Generaldelegation Palästinas
Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin
Tel.: 030 - 20 61 77 - 0
Fax: 030 - 20 61 77 - 10
Öffnungszeiten:
Mo - Fr 9:00 - 15:00 Uhr
Mahmoud Darwish
zum Tode Präsident Arafats
In seinem
Abschied
Der wohl
berühmteste palästinensische Dichter Mahmoud Darwish
hat zum Abschied von Präsident Arafat die folgenden Worte
gefunden.
Yasser Arafat hat uns dadurch überrascht, dass er uns
nicht überraschte. Es ist so, als ob der kranke Mensch
und der kranke Text das Bild des Endes vorbestimmt hätten
und den tragischen Helden abgehalten hätten, seine Spuren
auf dem Schicksal zu hinterlassen. Es gibt diesmal kein Wunder
und auch keine Überraschung; nachdem die Tragöde,
als lange Fernsehseifenoper dargestellt, zu einer alltäglichen,
vertrauten und normalen Tragödie wurde.
Yasser Arafat hat uns schrittweise auf seinen steten Abschied
vorbereitet; er gewöhnte uns an einen ungewöhnlichen,
ungeklärten Tod – ein Angriff durch einen Düsenjäger
oder der Absturz eines Zivilflugzeugs in der Wüste. Er
besiegte stets den Tod durch das Leben und wir haben ihn auf
einer langen Reise begeleitet, in deren Verlauf wir süchtig
danach wurden einem glitzernden Ziel, dem der Zauber des Unmöglichen
anhaftete, hinterher zu jagen.
Von einem
Exil zum anderen…
Von einem
Exil zum anderen, die Sache immer umgeleitet kam er dem Kern
der Sache nahe… mit der Beredsamkeit des in Blut getränkten
Banners, das wie wir sagten, die Idee bereichert, die Erinnerung
auffrischt und die Grenze zwischen Mythos und Realität
aufhebt. Wir brauchten ein Epos, einige seiner Kapitel vollendeten
wir. Aber der Mythos braucht Realität, wird die Legende
der Überprüfung durch die Realität standhalten?
Er ist es, er, Yasser Arafat, der den Widerspruch in den
Exilen im Zaum halten konnte, mit einer Mischung aus Pragmatismus,
Religion und Metaphysik. Er wurde mit seiner außerordentlichen
Dynamik, in der zu unterscheiden ist, zwischen der persönlichen,
der öffentlichen und der Dynamik eines Workoholics, zu
einem Führer, zu einem strahlenden Symbol.
Er arbeitete nicht als Ingenieur um Straßen zu bauen,
sondern er öffnete Straßen durch Minenfelder. Die
Geschichte wird lange Zeit brauchen, um das Leben dieses Mannes,
dieses Phänomens in organisierte Bahnen zu lenken. Sie
wird jedoch von nun an seine Fähigkeit zu überleben
mit Hochachtung anerkennen, und von nun an wird sie bei seinem
Wunder-Abenteuer verharren:
Feuer im Eis zu entfachen. Er hat eine Gegenrevolution angeführt;
vielleicht kam sie zu früh oder zu spät. Als jeweils
andere Möglichkeit, weil die Machtbalance in der Region
nicht gestattet, ein Streichholz zu nahe an den Ölfeldern
zu entzünden… oder zu nahe an der israelischen
Sicherheit!
Er hat keine militärischen Schlachten gewonnen; weder
zu Hause noch im Exil. Er war aber siegreich im Kampf um nationale
Existenz, er hat die palästinensische Sache auf die politische
Tagesordnung der Region und der Welt gesetzt, er hat dem vergessenen
palästinensischen Flüchtling eine Identität
gegeben, indem er die palästinensische Realität
in das Bewusstsein der Menschheit einprägte, er hat die
Welt davon überzeugt, dass Krieg in Palästina seinen
Ausgang nimmt und das Frieden in Palästina beginnt.
Arafats Kufiya
Yasser Arafats
Kufiya, mit symbolischer und folkloristischer Sorgfalt getragen,
wurde der moralische und politische Leitfaden nach Palästina.
Als Verkörperung all dieser Dinge wurde er gefährlich
notwendig in unseren Leben… wie das Familienoberhaupt,
das nicht möchte, dass seine Kinder erwachsen werden,
damit sie nicht selbst für sich sorgen können. Darum
bereitete er uns bei mehr als einer Gelegenheit darauf vor,
uns an die Vorstellung der Angst zu gewöhnen, Waisen
zu werden und darauf, den Tod der Idee zu fürchten, sollte
er physisch abwesend sein. Weil er sich mit dem Tod duellierte
und überlebte blieb im Unterbewusstsein der Palästinenser
das mythische Gefühl, dass Arafat niemals sterben werde!
So rückte seine Legende ans Metaphysische heran.
Die Überraschungen brauten sich indes andernorts zusammen.
Für dieses symbolische Geschöpf, das seinen Ursprung
in griechischen Epen hatte, wurde es notwendig, das Gewicht
der Last dieser Legende zu verringern; weil das Land Aufbau
und Verwaltung brauchte, um von der Besatzung mit neuen Mitteln
befreit zu werden. Er ist allem ausgesetzt, er ist empfänglich
für Berührungen, Flüstern und Verantwortlichkeit.
Es ist ein Unglück für den Helden, er muss auf der
einen Seite die Feinde in unfairen Schlachten überwinden
und auf der anderen Seite… und sein Bild in der öffentlichen
Vorstellung vor seinen inneren Sprüngen schützen.
Er, der getränkt ist mit dem Verhandlungsgeschick eines
Salaheddins, mit der Versöhnlichkeit eines Omar, kam
nicht auf einem Schimmel oder vor einem Kamel her laufend…
in modernen Zeiten ist kein Platz für Rösser und
Kamele. Er kam in seiner neuen Wirklichkeit mit dem Oslo-Abkommen
auf dem Rücken, dessen Sicherheits-Substanz nicht zu
übermäßigem Optimismus Anlass gibt. Aber er
kam mit einem freudvollen Gedanken zurück; nicht einmal
Moses kehrte ins "Gelobte Land" zurück.
Referenzen der
internationalen Legitimität
Es ist ein
erster Schritt auf einen Staat hin, sagt er, und weiß,
dass Palästina noch dort ist: in den Fragen, die den
Verhandlungen über den endgültigen Status verbleiben
– Jerusalem, das Recht auf Rückkehr und andere
dornenreiche Angelegenheiten. Der Weg dahin führt nicht
über Oslo, sondern über die Referenzen der internationalen
Legitimität.
Er wusste, dass diese Referenzen nicht mehr gültig sind
in einer unipolaren Welt, mit einem geheiligten Israel, das
das Weiße Haus mit seinen göttlichen Anweisungen
inspiriert! Er weiß auch, dass Protokolle des Präsidenten,
Ausweise und Pässe für israelische Offizielle lediglich
bedeuten, dass man diejenigen, denen die Unabhängigkeit
verweigert wird, mit schnellen symbolischen Mahlzeiten ablenkt,
die sie, die nach Identität hungern, nicht zufrieden
stellen. Er weiß auch, dass er aus dem Exil in ein Gefängnis
zurückkehrte, das mit den Vorstellungen von Dingen möbliert
ist, nicht aber mit deren Realität, und dass er eine
Genehmigung braucht, um sich von seinem Gefängnis in
Ramallah ins Gefängnis nach Gaza zu begeben. Rote Teppiche
und Hymnen kosten nichts…
Das ist der Punkt, an der die politische und moralische Krankheit
des Präsidenten ihren Ausgang nahm. Dieser große
Gefangene, unter der Kuratel harscher israelischer Bedingungen
kann sich nicht auf das israelische Verständnis vom Friedensprozess
zu bewegen, und er kann nicht zum traditionellen Kampf zurück.
Es ist kein Trost, dass derjenige, der Oslo bereute und Verrat
an den Konsequenzen daraus übte, der "israelische
Partner" ist, der nicht länger ein Partner ist.
Was nun? Niemand bestreitet das palästinensische Recht,
Widerstand zu leisten. Das brachte die zweite Intifada hervor,
als wesenseigenen Ausdruck ihres nationalistischen Willens
und des Beharrens darauf, die Hoffnung auf einen wirklichen
Friedensprozess wiederzubeleben, der Freiheit und Unabhängigkeit
für sie anerkennt. Es mussten aber zu viele Fragen gestellt
werden, worin die Mittel bestehen, die diesem Ziel dienen
sollten. Die Palästinenser wichen der Gefahr aus, als
Lockvogel auf der militärischen Bühne zu agieren,
in die Scharon ganz vernarrt ist, um seinen Krieg gegen die
palästinensische Entität im Zusammenhang des globalen
Kriegs gegen den Terror zu beginnen; da Amerika die Grenzen
zwischen Terrorismus und Widerstand missachtet!
Das Symbol
Yasser Arafat
kann nur auf ein Schicksal setzen, das den Bedingungen nicht
entspricht und auf ein Wunder, das sich nicht seiner Ära
unterwirft. Die Muqata, sein Hauptquartier und sein einziges
Zuhause, fällt ihm über dem Kopf zusammen, Zimmer
um Zimmer, wie er in nie ermüdendem prophetischen Ton
wiederholt "Märtyrer, Märtyrer, Märtyrer",
was eine Gänsehaut auf dem Rückgrat des arabischen
Enthusiasmus hinterlässt. Die Nachricht von einer Krise
immer wieder zu wiederholen lässt diese zur Normalität
werden. So gewöhnte man sich an die Belagerung Arafats…
drei Jahre vergiftendes Leben; drei Jahre verbrauchte Luft
atmen; drei Jahre Verachtung der Amerikaner; "er ist
nicht länger von Bedeutung"; drei Jahre Versuche
der Israelis, Arafat unglaubwürdig zu machen und die
Glaubwürdigkeit seiner Symbolik zu vernichten. Für
die Palästinenser ist alles Symbol: die Belagerung unseres
Präsidenten ist unsere Belagerung; sein Leiden symbolisiert
unser Leiden. Er ist mit uns. Er ist in uns. Er ist wie wir.
Wir lieben ihn, weil wir ihn lieben. Wir lieben ihn weil wir
seine Feinde nicht lieben.
Er hat uns diesmal nicht überrascht. Er hat uns auf
den Abschied vorbereitet. Der Belagerte brach aus seiner Blockade
aus, um den Tod im Exil zu treffen, um die Legende zu nähren.
Er gab uns die Zeit, uns auf die Trauer vorzubereiten. In
jedem von uns ist ein Stück von ihm. Er ist der Vater
und der Sohn: der Vater eines vollständigen Stücks
palästinensischer Geschichte und ihr Sohn, dessen Rhetorik
und dessen Bild dabei geholfen hat, sie zu gestalten.
Wir sagen nicht der Vergangenheit mit ihm Lebwohl…
sondern wir treten von nun an in einen neuen unbekannten Abschnitt
der Geschichte ein. Werden wir die Gegenwart finden, bevor
wir das Morgen fürchten?