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Mahmoud Darwish zum Tode Präsident Arafats

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Mahmoud Darwish

In seinem Abschied

Der wohl berühmteste palästinensische Dichter Mahmoud Darwish hat zum Abschied von Präsident Arafat die folgenden Worte gefunden.

Yasser Arafat hat uns dadurch überrascht, dass er uns nicht überraschte. Es ist so, als ob der kranke Mensch und der kranke Text das Bild des Endes vorbestimmt hätten und den tragischen Helden abgehalten hätten, seine Spuren auf dem Schicksal zu hinterlassen. Es gibt diesmal kein Wunder und auch keine Überraschung; nachdem die Tragöde, als lange Fernsehseifenoper dargestellt, zu einer alltäglichen, vertrauten und normalen Tragödie wurde.

Yasser Arafat hat uns schrittweise auf seinen steten Abschied vorbereitet; er gewöhnte uns an einen ungewöhnlichen, ungeklärten Tod – ein Angriff durch einen Düsenjäger oder der Absturz eines Zivilflugzeugs in der Wüste. Er besiegte stets den Tod durch das Leben und wir haben ihn auf einer langen Reise begeleitet, in deren Verlauf wir süchtig danach wurden einem glitzernden Ziel, dem der Zauber des Unmöglichen anhaftete, hinterher zu jagen.

Von einem Exil zum anderen…

Von einem Exil zum anderen, die Sache immer umgeleitet kam er dem Kern der Sache nahe… mit der Beredsamkeit des in Blut getränkten Banners, das wie wir sagten, die Idee bereichert, die Erinnerung auffrischt und die Grenze zwischen Mythos und Realität aufhebt. Wir brauchten ein Epos, einige seiner Kapitel vollendeten wir. Aber der Mythos braucht Realität, wird die Legende der Überprüfung durch die Realität standhalten?

Er ist es, er, Yasser Arafat, der den Widerspruch in den Exilen im Zaum halten konnte, mit einer Mischung aus Pragmatismus, Religion und Metaphysik. Er wurde mit seiner außerordentlichen Dynamik, in der zu unterscheiden ist, zwischen der persönlichen, der öffentlichen und der Dynamik eines Workoholics, zu einem Führer, zu einem strahlenden Symbol.

Er arbeitete nicht als Ingenieur um Straßen zu bauen, sondern er öffnete Straßen durch Minenfelder. Die Geschichte wird lange Zeit brauchen, um das Leben dieses Mannes, dieses Phänomens in organisierte Bahnen zu lenken. Sie wird jedoch von nun an seine Fähigkeit zu überleben mit Hochachtung anerkennen, und von nun an wird sie bei seinem Wunder-Abenteuer verharren:

Feuer im Eis zu entfachen. Er hat eine Gegenrevolution angeführt; vielleicht kam sie zu früh oder zu spät. Als jeweils andere Möglichkeit, weil die Machtbalance in der Region nicht gestattet, ein Streichholz zu nahe an den Ölfeldern zu entzünden… oder zu nahe an der israelischen Sicherheit!

Er hat keine militärischen Schlachten gewonnen; weder zu Hause noch im Exil. Er war aber siegreich im Kampf um nationale Existenz, er hat die palästinensische Sache auf die politische Tagesordnung der Region und der Welt gesetzt, er hat dem vergessenen palästinensischen Flüchtling eine Identität gegeben, indem er die palästinensische Realität in das Bewusstsein der Menschheit einprägte, er hat die Welt davon überzeugt, dass Krieg in Palästina seinen Ausgang nimmt und das Frieden in Palästina beginnt.

Arafats Kufiya

Yasser Arafats Kufiya, mit symbolischer und folkloristischer Sorgfalt getragen, wurde der moralische und politische Leitfaden nach Palästina. Als Verkörperung all dieser Dinge wurde er gefährlich notwendig in unseren Leben… wie das Familienoberhaupt, das nicht möchte, dass seine Kinder erwachsen werden, damit sie nicht selbst für sich sorgen können. Darum bereitete er uns bei mehr als einer Gelegenheit darauf vor, uns an die Vorstellung der Angst zu gewöhnen, Waisen zu werden und darauf, den Tod der Idee zu fürchten, sollte er physisch abwesend sein. Weil er sich mit dem Tod duellierte und überlebte blieb im Unterbewusstsein der Palästinenser das mythische Gefühl, dass Arafat niemals sterben werde! So rückte seine Legende ans Metaphysische heran.

Die Überraschungen brauten sich indes andernorts zusammen. Für dieses symbolische Geschöpf, das seinen Ursprung in griechischen Epen hatte, wurde es notwendig, das Gewicht der Last dieser Legende zu verringern; weil das Land Aufbau und Verwaltung brauchte, um von der Besatzung mit neuen Mitteln befreit zu werden. Er ist allem ausgesetzt, er ist empfänglich für Berührungen, Flüstern und Verantwortlichkeit. Es ist ein Unglück für den Helden, er muss auf der einen Seite die Feinde in unfairen Schlachten überwinden und auf der anderen Seite… und sein Bild in der öffentlichen Vorstellung vor seinen inneren Sprüngen schützen.

Er, der getränkt ist mit dem Verhandlungsgeschick eines Salaheddins, mit der Versöhnlichkeit eines Omar, kam nicht auf einem Schimmel oder vor einem Kamel her laufend… in modernen Zeiten ist kein Platz für Rösser und Kamele. Er kam in seiner neuen Wirklichkeit mit dem Oslo-Abkommen auf dem Rücken, dessen Sicherheits-Substanz nicht zu übermäßigem Optimismus Anlass gibt. Aber er kam mit einem freudvollen Gedanken zurück; nicht einmal Moses kehrte ins "Gelobte Land" zurück.

Referenzen der internationalen Legitimität

Es ist ein erster Schritt auf einen Staat hin, sagt er, und weiß, dass Palästina noch dort ist: in den Fragen, die den Verhandlungen über den endgültigen Status verbleiben – Jerusalem, das Recht auf Rückkehr und andere dornenreiche Angelegenheiten. Der Weg dahin führt nicht über Oslo, sondern über die Referenzen der internationalen Legitimität.

Er wusste, dass diese Referenzen nicht mehr gültig sind in einer unipolaren Welt, mit einem geheiligten Israel, das das Weiße Haus mit seinen göttlichen Anweisungen inspiriert! Er weiß auch, dass Protokolle des Präsidenten, Ausweise und Pässe für israelische Offizielle lediglich bedeuten, dass man diejenigen, denen die Unabhängigkeit verweigert wird, mit schnellen symbolischen Mahlzeiten ablenkt, die sie, die nach Identität hungern, nicht zufrieden stellen. Er weiß auch, dass er aus dem Exil in ein Gefängnis zurückkehrte, das mit den Vorstellungen von Dingen möbliert ist, nicht aber mit deren Realität, und dass er eine Genehmigung braucht, um sich von seinem Gefängnis in Ramallah ins Gefängnis nach Gaza zu begeben. Rote Teppiche und Hymnen kosten nichts…

Das ist der Punkt, an der die politische und moralische Krankheit des Präsidenten ihren Ausgang nahm. Dieser große Gefangene, unter der Kuratel harscher israelischer Bedingungen kann sich nicht auf das israelische Verständnis vom Friedensprozess zu bewegen, und er kann nicht zum traditionellen Kampf zurück. Es ist kein Trost, dass derjenige, der Oslo bereute und Verrat an den Konsequenzen daraus übte, der "israelische Partner" ist, der nicht länger ein Partner ist. Was nun? Niemand bestreitet das palästinensische Recht, Widerstand zu leisten. Das brachte die zweite Intifada hervor, als wesenseigenen Ausdruck ihres nationalistischen Willens und des Beharrens darauf, die Hoffnung auf einen wirklichen Friedensprozess wiederzubeleben, der Freiheit und Unabhängigkeit für sie anerkennt. Es mussten aber zu viele Fragen gestellt werden, worin die Mittel bestehen, die diesem Ziel dienen sollten. Die Palästinenser wichen der Gefahr aus, als Lockvogel auf der militärischen Bühne zu agieren, in die Scharon ganz vernarrt ist, um seinen Krieg gegen die palästinensische Entität im Zusammenhang des globalen Kriegs gegen den Terror zu beginnen; da Amerika die Grenzen zwischen Terrorismus und Widerstand missachtet!

Das Symbol

Yasser Arafat kann nur auf ein Schicksal setzen, das den Bedingungen nicht entspricht und auf ein Wunder, das sich nicht seiner Ära unterwirft. Die Muqata, sein Hauptquartier und sein einziges Zuhause, fällt ihm über dem Kopf zusammen, Zimmer um Zimmer, wie er in nie ermüdendem prophetischen Ton wiederholt "Märtyrer, Märtyrer, Märtyrer", was eine Gänsehaut auf dem Rückgrat des arabischen Enthusiasmus hinterlässt. Die Nachricht von einer Krise immer wieder zu wiederholen lässt diese zur Normalität werden. So gewöhnte man sich an die Belagerung Arafats… drei Jahre vergiftendes Leben; drei Jahre verbrauchte Luft atmen; drei Jahre Verachtung der Amerikaner; "er ist nicht länger von Bedeutung"; drei Jahre Versuche der Israelis, Arafat unglaubwürdig zu machen und die Glaubwürdigkeit seiner Symbolik zu vernichten. Für die Palästinenser ist alles Symbol: die Belagerung unseres Präsidenten ist unsere Belagerung; sein Leiden symbolisiert unser Leiden. Er ist mit uns. Er ist in uns. Er ist wie wir. Wir lieben ihn, weil wir ihn lieben. Wir lieben ihn weil wir seine Feinde nicht lieben.

Er hat uns diesmal nicht überrascht. Er hat uns auf den Abschied vorbereitet. Der Belagerte brach aus seiner Blockade aus, um den Tod im Exil zu treffen, um die Legende zu nähren. Er gab uns die Zeit, uns auf die Trauer vorzubereiten. In jedem von uns ist ein Stück von ihm. Er ist der Vater und der Sohn: der Vater eines vollständigen Stücks palästinensischer Geschichte und ihr Sohn, dessen Rhetorik und dessen Bild dabei geholfen hat, sie zu gestalten.

Wir sagen nicht der Vergangenheit mit ihm Lebwohl… sondern wir treten von nun an in einen neuen unbekannten Abschnitt der Geschichte ein. Werden wir die Gegenwart finden, bevor wir das Morgen fürchten?

Quelle: Amin, 12. 11. 2004

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