Generaldelegation Palästinas
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Frankfurter Buchmesse vom 6. – 10. Oktober 2004
Beiträge zum Programm
Mahmoud Darwish
Palästinensische
Lyrik: Das Heimweh des Himmels nach sich selbst
Späte Entdeckung eines großen Dichters: Der Palästinenser
Mahmoud Darwish und sein Lyrik-Band "wo du warst und wo
du bist"
Von Rolf Michaelis
Wäre es nicht so traurig, man müsste von einem Skandal
sprechen. Die literarische Welt aller Sprachen verehrt, kennt
vor allem: liest die Verse eines der bedeutendsten Dichters
arabischer Kultur, des Palästinensers Mahmoud Darwish (rund
fünfzig Bücher, in dreißig Sprachen), 1941 im
Dorf al-Birwe, bei Akron, geboren – in Deutschland so
gut wie unbekannt. Beschämend: Keiner unserer vermeintlich
großen Verlage hat sich zu diesem Welten-Dichter bekannt.
Alle zwei Jahre erscheinen, in immer neuen (Klein-)Verlagen,
von immer neuen Übersetzern, wahllos Bücher von Darwish
auch auf Deutsch. Doch gibt es im Werk dieses hoch gebildeten
Sohns kleiner Bauern, dessen Familie 1948, nachts, von israelischen
Freischärlern aus ihrem Dorf vertrieben wurde, große
Unterschiede. Der junge Dichter lässt, hoffnungsfroh, die
rote Fahne der Revolution in und über seinen Versen flattern,
die heute noch, überall in der arabischen Welt, zitiert
werden.
Wie sollte sich der als Kind aus der Heimat Vertriebene nicht
der Kommunistischen Partei des jungen Staates Israel anschließen!
War Rakah doch die einzige Partei, die im Parlament auch an
die enteigneten Palästinenser erinnerte. Westdeutscher
Hochmut, bis heute. Ist das nicht ein Kommunist? Wurde ja in
der DDR verlegt. Wohin, in welche – auch poetische –
Freiheit hat sich dieser große Einsame entwickelt, der
seinem geschundenen Volk bis in jede Zeile ganz nah bleibt.
Den jungen Palästinenser Mahmoud, vierzehn Jahre alt, steckt
die Besatzungsmacht ins Gefängnis. Ein Kind.
Keine Befriedung durch Bomben und tote Kinder
Kein Wunder, hat der heimatlose Dichter, Herausgeber der wichtigsten
Literaturzeitschrift der arabischen Welt, Al Karmel, der ständig
zwischen der jordanischen Hauptstadt und der von Israels Armee
zur Ruinen-Wüste gebombten Stadt Ramallah im Westjordanland
hin- und herreist, Freunde nicht nur unter den Schriftstellern
Israels, sonder auch bis in höchste Regierungskreise, wo
so mancher auch nicht mehr an »Befriedung« durch
Bomben und Baby-Tote glaubt.
Bei Darwish liest sich das so: »Ermordete und Unbekannte.
Kein Vergessen einigt sie / Keine Erinnerung spaltet sie…
/ Sie waren Kinder…» / »Unser Land / …
/ Hat eine Landkarte der Abwesenheit / … / Und tiefe Wunden
in seiner Identität.« – »Sie blicken
nicht zurück, um ein Exil zu verlassen / Denn vor ihnen
ist Exil…« Und Darwish, der nur noch »verwundete
Siege« wahrnehmen kann, macht diese Bilanz auf: »Weder
Sieger noch Besiegte« – »Weder Held noch Opfer«.
Dem agitatorischen Gedicht hat der Dichter adieu gesagt
Die Gedichte dieses Bandes kommen aus einer – unheimlichen
– Ruhe, wie von einem, der ein Vierteljahrhundert hektischen
Exils zwischen Moskau, Beirut, Paris, Tunis erlebt hat als Wanderung
durch die Wüste, mit vielen Stationen der Meditation. Hier
spricht einer, der – nicht nur nach fast tödlicher
Herzkrankheit – dem agitatorischen Gedicht adieu gesagt
hat, dem politischen Tagesgeschäft schon längst. 1988
hat der berühmteste Intellektuelle seines Volkes noch mitgeschrieben
an der »Unabhängigkeitserklärung« der
Palästinenser. Doch als sein »väterlicher Freund«
Arafat ihn als Minister für Kultur in sein Kabinett bittet,
lehnt der Dichter ab.
Im Gedicht liest sich das so: »Ich sehe wie von einer
Veranda, was ich sehe / Ich sehe mein Ebenbild / Kommend / Von
weit / Her / … Ich sehe … Lastwagen voller Soldaten
/ Wie sie die Bäume verunstalten an diesem Ort.«
So zurückhaltend spricht Darwish, im Gedicht, vom Baum-Frevel
der Besatzungsarmee, die den heiligen Schatz palästinensischer
Bauern, die jahrhundertealten Olivenbäume, ausreißt.
Im Gespräch wird Darwish (»Was man in Prosa ausdrücken
kann, sollte man nicht in einem Gedicht sagen«) deutlicher:
»Ich liefere keine Gebrauchspoesie mehr‚ …
Ich habe meine Poesie aus dem Halseisen des politischen Engagements
befreit.«
So ist er endgültig zu dem für Leser in aller Welt
verständlichen Dichter geworden. »Die Dinge raunen
in mir / Und ich spreche sie heraus / Immer wenn ich den Stein
belausche, höre ich / Das Gurren einer weißen Taube.«
Vom »weinenden Glück«, vom »lachenden
Scheitern« sprechend, erkennt er sich selber »die
Weisheit eines Todgeweihten« zu, der in einem »Jerusalem«-Gedicht
mit prophetischer Geste beschwört: »Heilig sind Eintracht
und Frieden und sie werden kommen.«
Bis es dazu kommt – der aus dem eigenen Land Vertriebene,
den die israelischen Behörden in schönster bürokratischer
Dialektik einen »anwesenden Abwesenden« nennen,
weiß es wohl –, fließt noch viel Wasser den
Jordan hinunter. Der stark von dialektischem Denken geprägte
Kopf, dessen Gedichte auch vom Dualismus bestimmt sind, weniger
wohl vom Studium der Philosophie Hegels als von arabischer Mystik
(Beginn / Ende; Aufflug / Sturz in den Abgrund; Leben / Tod;
Licht / Dunkel; Ich / Du und Gegen-Ich) ahnt die Gefahr, die
seinem Volk droht, in Zukunft, weil es nur noch die Geschichtsschreibung
der Besatzer gibt:
»Vergessen, als wärest du nie gewesen / … /
Da ist jemand: Seine Schritte / Überholen meine Schritte.
Seine Sicht diktiert / Die meine. Jemand, der die Worte streut
/ Nach seinem Belieben, der die Geschichte / Allein erzählt
/ … / Weder Mensch noch Text / Weder Nachricht noch Spur,
vergessen.«
Und doch gibt sich dieser Dichter den Befehl: »Schreib
nicht mit Gedichten die Geschichte. Allein / Der Historiker
ist die Waffe… / … / Geschichte sind die Tagebücher
/ Von Waffen, geschrieben auf unseren Körpern.« Indem
er die Tragödie des palästinensischen Volkes aus der
Gegenwart löst, mit der Vertreibung der Araber aus Europa
– Granada 1492 – in Beziehung setzt, erhöht
Darwish sie über alles Geschichtliche hinaus ins Allgemeine
einer Menschheits-Katastrophe, von der Vertreibung aus dem Paradies
bis zu jedem Exodus unserer Tage. Dann wird alles poetische
Sprechen zum Ausdruck des Exils – und Darwish, der seinem
Volk ohne Heimat den Band geschenkt hat Wir haben ein Land aus
Worten, kann sich die Existenz-Frage stellen: »Wer bin
ich ohne Exil?«
Dann genügt dem im eigenen Land Gefangenen schon der Riss
in der Kerkerwand: »Ein Loch genügte in der Mauer
/ Daß die Sterne die Sucht dich lehrten / Das Ewige anzustarren.«
Dann verschwinden auch die tödlichen Gegensätze zwischen
den Menschen. So kann »der Fremde«, der erschöpfte
Kämpfer im trojanischen, im euro-asiatischen, also im ewigen
Krieg der Menschheit in dem »Helena«-Gedicht (in
dem wir die Verse lesen: »Regen / Welch ein Heimweh des
Himmels / Nach sich selbst«) zur schönsten Frau der
Antike, zu der aus Europa nach Asien verschlagenen, von Ost
und West umkämpften Helena sagen: »Ich kämpfte
/ In deinen beiden Schützengräben.« Ob mit Helena
die Frau, die Schönheit, die Lyrik, die Liebe oder der
ewig umstrittene Friede besungen wird – der nimmermüde
Kämpfer für all diese Träume (»Und jedes
Gedicht ein Traum«) ist, landlos, heimatlos, in »beiden
Schützengräben« zu Haus.
Mahmoud Darwish: wo du warst und wo du bist
Gedichte; aus dem Arabischen von Adel Karasholi; A 1 Verlag,
2004; 140 S., 14,80 €