 Jerusalem - von den Palästinensern "Al-Quds" genannt - ist seit Jahrhunderten das religiöse, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Palästinenser. Unzählige historische Gebäude, Moscheen und Kirchen zeugen von der uralten arabischen Tradition. Bis heute prägt die goldene Kuppel des Felsendoms das Gesicht der Stadt.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten hier Muslime, Christen und die wenigen in der Stadt verbliebenen Juden friedlich nebeneinander. Doch die massenhafte Einwanderung europäischer Juden und deren Anspruch auf eine "jüdische Heimstätte" in Palästina sollten den Charakter der Heiligen Stadt tiefgreifend verändern.
Jerusalem und das zionistische Projekt:
Zwischen Alt- und Neustadt, zwischen Kosmopolitisierung und Ethnisierung
einer Metropole. Ergebnisse nach einem Jahrhundert zionistischer
Planung in Jerusalem und ihrem Umfeld: "Judaisierung"
durch "Hebronisierung"
von Dr. Viktoria Waltz (Jerusalem/Ramallah)*
1. Einführung
Wenn heute in den abschließenden Verhandlungen zwischen der
israelischen Regierung und der palästinensischen Autonomie-Regierung
über die Zukunft Palästinas gesprochen wird, dann sagt
jeder: Jerusalem ist die schwierigste Frage.
Sicher, denn Jerusalem ist nicht vor allem eine Frage von Eigentum
und Kontrolle über den Boden. Jerusalem ist eine Frage des
zukünftigen Status zwischen Palästina und Israel, ist
auch der Angelpunkt für die Frage, wer die Macht über
die Region ausüben wird. Wer Jerusalem kontrolliert, hat die
Geschichtsdeutung und Interpretation der Wirklichkeit in der Hand,
hat Macht über Ruinen und Antiquitäten, die so sinnfällig
als Beleg für das "alleinige historische Recht der Juden
auf Palästina" dienen.
Vor allem aber ist Jerusalem für Israel wie für Palästina
eine Frage nationaler Identität. Doch für Israel, das
in einem hundertjährigen Prozeß als Fremdkörper
in diesem Raum entstand, ist Jerusalem die Kernfrage für das
zionistische Projekt überhaupt, demzufolge Palästina in
ein jüdisches Territorium verwandelt werden sollte. Jerusalem
ist der Prüfstein dafür, wie weit dieses Ziel erreicht
werden konnte. Und deshalb mischen auch die verschiedensten Kräfte
bei der territorialen Eroberung und der politischen Rechtfertigung
mit, von der Regierung bis zu terroristischen Siedlern, gestützt
auf Gelder des Staates, verschiedenster zionistischen Institutionen,
der Zionistischen Weltorganisation (WZO) bis zu Einzelpersonen,
wie der amerikanische Millionär und Zionist Moskowitz.
Noch ist Jerusalem nicht wirklich "befreit", wie Ben Gurion
es in seinen Erinnerungen an den Kampf um Israel beschrieb - trotz
aller militärischen Stärke:
"Die Frage Jerusalems ist nicht eine Frage von Argumenten
oder Politik, es ist vor allem und als erstes eine Frage der politischen
Stärke. Haben wir a) die militärische Basis, um die Altstadt
einzunehmen, b) um einen breiten Korridor von hier, Tel Aviv, bis
nach Jerusalem zu sichern, und zwar nicht nur, um dorthin zu gelangen,
sondern um einen Gürtel zu besiedeln, der Jerusalem fest an
die Territorien des Jüdischen Staates bindet, und c) um die
Arabische Legion im "Dreieck" zu zerstören? Ohne
das kann man nicht davon sprechen, daß wir Jerusalem "befreit"
hätten".
Man beachte die planerische Seite in dieser Argumentation.
Auch heute, mehr als 30 Jahre nach dem "Juni-Krieg" 1967,
ist die "Befreiung" nach israelischer Lesart nicht vollständig.
Noch leben in der Altstadt etwa 30.000 und in gesamt Jerusalem etwa
210.000 Palaestinenser und bilden damit in Ost-Jerusalem, in dem
inzwischen etwa 170.000 Siedler illegal leben, noch die Mehrheit
der Einwohnerschaft, bezogen auf Gesamt-Jerusalem bilden sie um
die 30%. Feisal Husseini schätzt sogar 245.000 Palästinenser
in Ost-Jerusalem. Noch definiert sich die Stadt gleichermaßen
als christliches wie als islamisches Weltzentrum. Noch ist der Salomon-Tempel
nicht wieder errichtet, wovon manche der reaktionärsten Siedlergruppen
träumen mögen wie einst Theodor Herzl, der Vater des zionistischen
Projekts: "Wenn wir jemals Jerusalem bekommen, und ich dann
noch in der Lage sein sollte, etwas zu tun, würde ich damit
beginnen, die Stadt von allem zu säubern, was nicht heilig
ist".
Nein, so weit ist es noch nicht gekommen, obwohl die Absicht der
"Judaisierung" der Stadt sichtbar genug ist und es nur noch
eine Frage der Zeit zu sein scheint, wann die Altstadt Jerusalems
das Schicksal Jaffas oder zukünftig Akkas erleiden und gänzlich
von Palästinensern "befreit" sein wird.
Für die palästinensische Seite ist Jerusalem der Angelpunkt
für die Frage, ob es einen Staat Palästina mit seiner
Haupstadt Jerusalem (Ost) geben wird - oder ob Palästina ein
Flickenteppich teilautonomer Gebiete sein wird, kontrolliert und
umgeben von Israel, mit einem Verwaltungszentrum in Gaza, Ramallah,
oder Abu Dis und Jerusalem als Hauptstadt Israels, "befreit"
von Palästinensern?
Jerusalem war für Palästina bis 1967 eines der wichtigen
Handels- und Einkaufszentren der Region. Jerusalem besuchten und
besuchen immer noch die Pilgergruppen, die in Mekka und Medina waren,
um zum Abschluss der Hadj in der Al-Aqsa-Moschee im "Haram
Al Sharif" zu beten, dem Ort von dem nach muslimischem Glauben Mohammed
nach seiner "Nachtreise" von Mekka zu Gott aufstieg.
Israel beschwört, sozusagen als Zwischenstufe, die notwendige
"Einheit" der Stadt: "Jerusalem muß eine Stadt
bleiben, das wird sich niemals mehr ändern" teilte mir
der Chef-Stadtplaner Yitzhak Jacoby in einem Gespraech vom 29.3.1987
mit.
Doch Ost-Jerusalem ist arabisch und mehrheitlich islamisch. Von
einer "Einheit" kann weder politisch, noch sozial, noch ökonomisch
und auch nicht kulturell die Rede sein. Ost-Jerusalem ist der am
meisten vernachläßigte Teil der Stadt, sei es in bezug
auf das äußere Stadtbild, die Wohnsituation, die Straßen
und die Umwelt, oder sei es in bezug auf die Versorgung mit Gesundheitseinrichtungen,
Schulen, Kulturzentren oder Freizeiteinrichtungen und Grün-
oder Sportflächen. Ebenso ungleich ist die politische Basis
und der Status der Bewohner. Während alle Juden der Welt in
Jerusalem Bürger des Staates Israel werden, sind die alteingesessenen
palästinensischen Jerusalemer und die, die hier geboren sind
oder seit langem ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt haben, nur
"Mitbürger", wie es in Deutschland heißt. Sie erhalten
Daueraufenthaltsrecht - sofern sie die Bedingungen dafür erfüllen
und etwa unter anderem die kompletten Nachweise für Strom,
Telefon, Wasser, Haussteuer, Krankenversicherung etc. erbringen
können, als Beleg dafür, daß sie mindestens 7 Jahre
hier ununterbrochen leben. Auch die realen menschlichen Beziehungen
zwischen Ost und West sind äußerst gering. In einer Befragung
von 1995/96 zum Beispiel über Freundschaften zwischen den beiden
Gruppen verneinten diese fast 89% der Juden und 85% der Araber,
und über den Besuch des jeweils anderen Stadtteils befragt,
sagten fast 33% der Juden im Westteil aus, dass sie den Ostteil
zum letzten Mal "vor Jahren" besucht hätten, während
42% der befragten Araber die Weststadt "noch in der letzten
Woche" besuchten - dies zumeist wegen der Arbeit.
Auf israelischer, offizieller Seite ist es schon lange keine Frage,
wem Jerusalem gehört und wer es regieren wird. Ben Gurion verkündet
1948: "Zehntausende unserer Jugendlichen sind bereit, ihr Leben
für Jerusalem zu geben. Alles, was möglich ist, wird für
Jerusalem getan werden. Es liegt innerhalb der Grenzen des Staates
Israel, genauso wie Tel Aviv".
Am 2.2.1949 erklärte er als Premierminister, daß West-Jerusalem
"integraler Bestandteil Israels" sei, dem folgte am 13.12.1949
eine Erklärung der Regierung, daß Jerusalem Israels Hauptstadt
sei. Das israelische Parlament, die Knesset, verabschiedete dann
1950 ein Gesetz, das Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärte.
Am 30.7.1980 bestätigte die Knesset im "Basis-Gesetz"
zu Jerusalem die de-facto-Annexion Jersualems und erklärte
es zur "ewigen und unteilbaren Hauptstadt Israels". All diese
Beschlüße und Gesetze sind durch die Vereinten Nationen
verurteilt und als nicht rechtskräftig erklärt worden
- aber die de-facto-Annexion ging weiter.
Israel arbeitet seit 1967 aktiv daran, die Hauptstadtfrage auch
in Ost-Jerusalem für sich zu entscheiden - mit denselben, erfolgreichen
vor allem raumplanerischen Mitteln, die zur Staatsgründung
geführt haben:
| Landerwerb und Besetzung von
Land und Gebäuden, |
| Zerstörung vorhandener,
arabischer Besiedlung und Bebauung, |
| Errichtung neuer Bebauung
und jüdischer Besiedlung, |
| Schaffung von regionalen Bevölkerungsmehrheiten,
|
| Errichtung neuer Straßen
und Straßenführungen und |
| eigenmächtige Grenzziehungen
nach strategischen Gesichtspunkten. |
Stadtplan Ost-Jerusalem
Das zionistische Projekt ist nicht ohne politisch und strategisch
orientierte Stadt- und Raum-Planung zu denken und zu verstehen.
Deshalb lohnt es sich, sich mit diesem Aspekt der Politik und des
Konflikts zwischen Israel und Palästina auseinanderzusetzen.
Vor allem zionistische Planung seit den 30er Jahren dieses Jahrhunderts
hat Jerusalem von einer einst weltoffenen Metropole in eine ethnisch
segregierte Frontstadt aggressivster Auseinandersetzung um jeden
Meter Einfluß gestürzt. Ein kurzer Einblick in die Zeit
vor der israelischen Staatsgründung sei deshalb der Darstellung
der aktuellen Lage vorangestellt.
2. Jerusalem vor und während der Mandatszeit
Die Entwicklung der Neustadt und der Aufbruch der Stadt in eine
neue kosmopolitische Epoche
Erst Mitte des letzten Jahrhundert entwickelte sich eine suburbane
Besiedelung Jerusalems außerhalb der Altstadtmauern - durch
einerseits wohlhabende Palästinenser, die die Enge der Altstadt
verließen, und andererseits vor allem durch christlich-missionarisch
motivierte europäische Gemeinden - begünstigt durch die
beiden osmanischen Bodenreformen von 1839 und 1856, die es auch
nicht-osmanischen Bürgern erlaubte, Land zu kaufen. Ende des
19. Jahrhundert noch unter osmanischer Herrschaft gründeten
reiche alteingesessene Familien der Altstadt neue städtische
Wohnquartiere und Geschäftsstraßen außerhalb der
Mauern auf ihrem Familienlandbesitz. Die frühesten dokumentierten
arabischen neuen Wohngebiete entstanden im Süden der Altstadt
- in Baq"a, und Beit Jala, Qatamon und Talbiya, in Mal"ha im Südwesten
sowie im Norden in Bab al Sahra, Mamilla, Musrara, Sheich Jerah.
Gleichzeitig begannen auf den westlichen Hügeln vor der Stadt
christliche Klöster, deutsche Templer und jüdische Gemeinden
Wohnquartiere zu gründen. Im Rahmen vor-zionistischer Planungen
entwickelten sich damit suburbane Siedlungsformen, die sich abhoben
vom Stil der Sommerhäuser und Villen der arabischen Großfamilien.
Das erste jüdische Wohnungsprojekt außerhalb der Stadtmauern
war das von Moses Montefiore um 1880 gesponsorte Windmühlenviertel
(Mishkenot Sha"ananim), auf dem Hügel gegenüber dem Berg
Zion. Seit dem Baseler Welt-Zionisten-Kongress 1897 nahm der "Palestine
Exploration Fund" den Bau neuer jüdischer Wohnsiedlungen in
der heutigen Neustadt vor.
1870 wurden zwischen 14.000 bis 22.000 Einwohner in der Stadt registriert.
In einer weiteren Welle suburbaner Besiedelung entstanden außerhalb
der Altstadtmauern vor allem religiöse Einrichtungen und Quartiere
der griechisch- und russisch-orthodoxen Kirche, wie z. B. der russische
Komplex in Musrara, sowie in Talbiya und Qatamon. Deutsche und römische
Katholiken, sowie Lutheraner konkurrierten ebenfalls um Präsenz
und Einfluß im "Heiligen Land". Sie errichteten nicht
nur Kirchen und Klöster, sondern bauten auch Wohnungen, Schulen,
Werkstätten und Krankenhäuser.
In den frühen Vierzigern, noch unter dem englischen Mandat,
drangen die Quartiere bis in die benachbarten Jerusalemer Dörfer
vor: nach Lifta, Malha, Deir Yasin und "Ayn Karim. Dazu kamen neue
Wohnquartiere der jüdischen Migranten wie Mekor Hayim, Yemin
Moshe, Mea She"arim und Rehavia.
1915 war die Bevölkerung der Gesamtstadt auf etwa 80.000 angewachsen.
In der Neustadt lebten 1917 etwa 35.000 - 40.000 Menschen. Von den
etwa 12.000 Muslimen lebten 2.000 - 2.400, von den etwa 45.000 Juden
29.000 und von den etwa 18.000 Christen lebten etwa 5.000 - 6.000
Christen in der Neustadt.
Während der Mandatszeit hatte die Stadt in neuen Stadtgrenzen
eine Größe von ca. 20.000 dunum (10 dunum ca. 1 ha) erreicht,
inklusive der Altstadt mit 800 dunum. Von der Neustadt befanden
sich ca. 26% des Bodens in jüdischem Besitz, 40% in arabischem
und ca. 14% im Besitz der christlichen Institutionen, ca. 3% waren
städtisch und 17% nahmen Straßen und das Eisenbahnnetz
ein.
Schließlich setzte sich die Neustadt Jerusalems aus einem
multikulturellen Mosaik ethnisch und religiös unterschiedlich
definierter sozialer Gruppen zusammen. Die Ränder all dieser
Nachbarschaften und Gemeinden bildeten im Rahmen der weiteren städtischen
Entwicklung in der Neustadt den Grundstock für die ersten arabisch-jüdisch
gemischten Gebiete der Stadt, in denen sich Koexistenz wie gemeinsame
Abhängigkeiten und Beziehungen entwickelten.
Die zionistische Bewegung hatte anfangs dem Projekt Jerusalem keine
besondere Aufmerksam geschenkt, denn die jüdische Gemeinde
von Jerusalem setzte sich zu 50% aus alten Bewohnern, also nicht-zionistischen
Juden zusammen. 1910 machten die Jerusalemer Juden etwa die Hälfte
aller jüdischen Einwohner Palästinas aus, aber 1944 bildeten
sie nur ein Fünftel, denn die meisten jüdischen Migranten
hatten sich bevorzugt in den Küstenstädten, vor allem
in der europäisch geprägten neuen Stadt Tel Aviv und in
Haifa niedergelassen.
"Wahrend der ersten Aliya (Einwanderungsphase 1882-1903) diente
Jerusalem mehr als Symbol denn als Besiedlungsziel. Während
der 2. Aliya (1904-1914) wurde der Status von Jerusalem als dem
wichtigsten Zentrum für die Juden anerkannt, obwohl noch wenig
Aktivitäten in der Stadt und seiner Umgebung zu sehen waren".
Nachdem die ersten Teilungsvorschläge für Palästina
öffentlich wurden und nach dem Bericht der Peel-Kommission
1937, die die Einwanderung der europäischen Juden limitierte,
wurde auch in Jerusalem eine strategische Besiedelung verfolgt.
Das Projekt Jerusalem wurde verstärkt von Zionisten außerhalb
Palästinas gefördert und der politische und militärische
Kampf um die Stadt vorbereitet.
Die Jerusalemer Neustadt war mittlerweile zu einem Symbol "moderner
Lebensführung" geworden: Luxuriöse Bauten mit europäischen
Bau-Elementen im Bauhaus oder Art-Deco Stil, Säulen, Balkone,
Veranden und gewalmte Dächer mit roten Ziegel drückten
die neue Weltoffenheit aus. Jerusalem war der Sitz großer
Handelsunternehmen, Banken und kleiner Fabriken geworden. Die Wohn-Quartiere
der Neustadt waren lebendig mit lokalen Märkten, auf denen
Bauern und Beduinen der Nachbardörfer ihre vielfältigen
Waren anboten. Ebenso entwickelte sich das politische, kulturelle
und intelektuelle Leben. Die Jerusalemer Schulen erfreuten sich
überregionaler Bedeutung und waren von einem kosmopolitischen
und offenen Klima beherrscht. In Jerusalem wurden die wichtigsten
arabischen Zeitungen gedruckt, Bücher vertrieben, in Clubs
diskutiert. Hier trafen sich die Politiker und Persönlichkeiten
(auch die Agenten) der ganzen Welt, die an der "neuen Orient-Frage"
Interessierten, in den neuen großen Hotels in und außerhab
der Altstadt. Am Ende der Mandatszeit war Jerusalem zur zweitgrößten
Stadt Palästinas geworden mit über 164.400 Einwohnern,
zusammengesetzt aus ca. 99.320 Juden und 65.010 Christen und Muslimen.
Die Mehrheit der Juden und etwa die Hälfte der Christen und
Muslime lebten in der Neustadt.
Die nördlichen und südlichen Neustadtviertel waren immer
noch Sitz der wohlhabenden alt eingesessenen palästinensischen
Jerusalemer Familien, während die weiter entfernten westlichen
Viertel sich etwas bescheidener ausnahmen, dichter bebaut, mit kleineren,
weniger luxuriös ausgestatteten Häusern auf kleineren
Grundstücken.
Das kosmopolitische Flair der Stadt änderte sich mit dem Kampf
um die Staatsgründung Israels und die Vereinnahmung der westlichen
Neustadt durch zionistsiche Truppen radikal.
3. Jerusalem 1947/48 und danach
Neustadt und Altstadt werden gewaltsam getrennt, die Ethnisierung
der Neu-Stadt und die Spaltung der Stadt beginnt
Die Teilungsresolution der UN von 1947, die darauf folgenden Kämpfe
und Auseinandersetzungen, der Auszug der Mandatsmacht England aus
Palästina am 15. Mai 1948 und die Proklamation des israelischen
Staates zum selben Datum, sowie der folgende Krieg sind Meilensteine
in der neueren Entwicklung Jerusalems.
1948 fiel ein Großteil der Neustadt in die Hände der
zionistischen Truppen, der späteren israelischen Armee, während
die arabischen Truppen die Altstadt und die östlichen Ränder
der Neustadt hielten, die unter jordanische Hoheit fielen. In Rahmen
der Kämpfe und späteren Waffenstillsverhandlungen mußten
etwa 30.000 Palästinenser mit ihren Familien die unmittelbare
Neustadt verlassen, während etwa 2.000 Juden die Altstadt verlassen
mußten. Die Jerusalemer Flüchtlinge aus der Neustadt
verloren ihre Häuser, Geschäfte, Büros, Fabriken,
ja alle Existenzgrundlagen, Bankkonten, materielle Besitztümer
und Land. Die kurzfristig gedachte Flucht vor den Kämpfen konnte
nie wieder rückgängig gemacht werden. Nachdem die Flüchtenden
zu Teilen wieder in der Altstadt unterkamen, flüchteten andere
in die Westbank und landeten später in den Lagern der Vereinten
Nationen. Später wanderten viele in die benachbarten arabischen
Länder aus.
Die Teilung Jerusalems gemäß der Waffenstillstandsverhandlungen
nach 1948 teilte den Bodenbesitz der Stadt von den 19.331 dunum
der Mandatszeitgröße in 11,48% oder 2,220 dunum, die
arabischer Besitz waren, und 16,261 dunum oder 84,13% in jüdischer
Hand, die seitdem vom israelischen Staat okkupiert und schließlich
als "verlassen" enteignet wurden. Von diesen ca. 16.000 dunum
waren vor 1949 etwa 34% in palästinensischen Besitz gewesen,
30% in jüdischem, über 15% hatte christlichen Institutionen
gehört, fast 19% dienten Straßen und Eisenbahn, etwa
2% war städtischer Besitz. 4,39% oder 850 dunum wurden zu "Niemandsland"
oder UN-Gebiet zwischen den Waffenstillstandslinien erklärt.
Die Teilung der Stadt und die Evakuierung und Vertreibung der palästinensischen
Bevölkerung aus der Neustadt und ihren umliegenden Dörfern
war das Ergebnis eines systematischen Planes der Haganah, Vorläufer
der israelischen Armee, der als "Plan Dalet" bekannt wurde.
Diese Operation wurde von Benny Morris charakterisiert als:
"Absicht und Anstrengung, um die ganze Gegend für immer
von arabischen Dörfern und feindlichen oder potentiell feindlichen
Bewohnern zu reinigen".
Der Fall und das Massaker an der zivilen Bevölkerung von Deir
Yassin am 9. April 1948 wurde zum Symbol eines unerbittlichen Vorgehens
der zionistischen Truppen, verbreitete Angst und veranlaßte
Tausende Palästinenser zur Flucht. In einem Vorbereitungstreffen
der Irgun, eine der verantwortlichen Milizen, hieß es:
"die Mehrheit war für die Liquidation aller Männer
des Dorfes, und aller übrigen, die noch gegen uns sein könnten,
egal ob dies Alte, Frauen oder Kinder seien".
Wohngebiete, die nicht im Laufe der militärischen Operationen
mit Absicht zerstört worden waren, wurden in den folgenden
Monaten von neuen jüdischen Immigranten besetzt, oder entwickelten
sich, wie "Ain Karem, nach langen Jahren der Vernachlässigung
zu beliebten Wohngebieten von Intelektuellen und Künstlern
wegen ihres "arabischen Charmes".
Mit der Teilung der Stadt nach 1948 war die Neustadt Jerusalem
für Israel zur Frontstadt geworden. Nur ein schmaler Korridor
verband die "Hauptstadt" Israels mit der Küstenebene,
sie war umgeben und eingeschlossen durch arabische Dörfer und
die Ost-Stadt, in unmittelbarer Nähe der beiden großen
palästinensischen Städte Ramallah und Bethlehem. Was während
des Krieges begann, wurde fortgesetzt:
| Insgesamt 38 palästinensische
Dörfer der unmittelbaren und weiteren westlichen Umgebung
Jerusalems unter israelischer Kontrolle wurden entvölkert;
eine Bevölkerung von insgesamt 28.000 Menschen vertrieben.
Während die unmittelbaren städtischen Dörfer
wie "Ain Karim, Mal"ha und Deir Yassin belassen wurden,
wurden über 55% der unter Israels Gewalt gefallenen Dörfer
komplett zerstört, darunter Lifta, Beit Naquba, Suba, Khirbet
al "Umur, Sataf, Deir "Amer, Beit Thul, Saris, "Aqqur,
Deir al- Sheick und Ras Abu Ammar; auf den Ruinen der Dörfer
Nataf, Beit Mahsir, Deir al-Hawa, Ishu", Artuf, Islin,
Sar"a, Ism Allah, Deir Aban, Deir Rafat, Beit Itab, Sifla,
Jarash, Beit Jimal, al-Bureijj wurden später neue Kolonien
errichtet. Das war eine der Methoden, um Flüchtlingen jeden
Versuch der Rückkehr zu erschweren. Schließlich wurde
Palästinensern generell das Recht auf Rückkehr - gegen
UN-Intervention - verwehrt. Später entstanden dort die
Jerusalem im Westen umgebenden Natur-Reservate und Parks, die
auch die letzten Reste dieser einstmals palästinensisch
besiedelten Gebiete zum Verschwinden gebracht haben. |
| Die verbliebenen palästinensischen
Quartiere und Gebäude wurden noch 1948 fast komplett mit
jüdischen Migranten besetzt. Nur 750 Personen der nicht-jüdischen
Bewohner der Neustadt waren 1949 noch anwesend, 550 von ihnen
waren griechischer Herkunft, die in der Deutschen und der Griechischen
Kolonie im Südwesten der Neustadt gewohnt hatten. Schließlich
blieben 200, gemessen an der gesamten nicht-jüdischen Bevölkerung
von vor 1948 nicht einmal ein halbes Prozent. |
| Eine weitere Maßnahme,
die neuen Verhältnisse festzuschreiben und die jüdische
Präsenz zu stabilisieren, war die Erklärung des palästinensischen
Grundbesitzes als "verlassener Besitz" per Gesetz
und danach die Übereignung in staatlichen Besitz. Auf diese
Weise wurden in Kürze etwa 10.000 Wohnungen oder Wohnhäuser
nach israelischer Gesetzgebung "legal" enteignet,
nicht mitgezählt die Geschäfte, Fabriken und Werkstätten,
die auf die gleiche Weise "legal" konfisziert wurden.
Mehr als 3 Millionen palästinensische Pfund wurden als
private Verluste der Palästinenser aufgelistet, 30 Millionen
Verlust an Land und Gebäuden dazu. Sie wurden schließlich
- auch nach Verhandlungen und Intervention der UN - weder kompensiert
noch zurückgegeben - bis auf 10.000 israelische Pfund.
|
Danach begann zügig der Ausbau der Weststadt zur Metropole
Israels, die Erklärung Jerusalems im Jahre 1950 zur Hauptstadt
Israels durch die Knesset, der Transfer der meisten Ministerien
und Regierungseinrichtungen in die Neustadt, der Ausbau von Straßen
und Autobahnen, der Bau zentraler Einrichtungen und die Verdichtung
und Vergrößerung der Wohngebiete.
Ost-Jerusalem expandierte ebenfalls. Die ehemaligen Vorstadtviertel
wurden ausgebaut, die Salaheddinstraße und das Bab al Zahra
Viertel avancierte zum Handelszentrum, die Altstadt blieb mit ihren
Märkten und Geschäften das Herz der Stadt und damit auch
das Handels- und Einkaufszentrum für die Westbank-Bewohner.
Die vielen Flüchtlinge überfüllten die Altstadt,
die Wohnungen boten kaum genügend Raum. Es fehlten der Stadt
unter der jordanischen Oberhoheit die notwendigen Mittel. Modernisierungen,
der Ausbau und die Erneuerung der Infrastruktur blieben weitgehend
aus. Aufgrund der Enge, der fehlenden Arbeitsplätze und Ausbildungsmöglichkeiten
folgten Auswanderungswellen.
4. Jerusalem nach 1967
Einigung der Stadt - oder verschärfte Ethnisierung und politische,
kulturelle und soziale Diskriminierung der arabischen Ost-Stadt?
1967 begann die zweite Runde des zionistischen Projekts im Kampf
um Jerusalem. Am 7. Juni 1967 eroberten israelische Truppen die
Altstadt von Jerusalem. Danach waren die wichtigsten und entscheidenden
Schritte:
| die unittelbar danach erfolgte
Zerstörung des Maghrebviertels und die Vertreibung seiner
Bewohner, um das Gebiet vor der Klagemauer zu "bereinigen"
(etwa 6.000 Menschen wurden so vertrieben); |
| die Vertreibung der palästinensesichen
Bewohner aus dem jüdischen Viertel und der Beginn der Umwandlung
des iertels (dies betraf weitere 4.000 Palästinenser);
|
| die Niederreißung der
Wohnhäuser und Geschäfte, die die Altstadtmauern vom
Jaffator bis zum Neutor und Musrara umgaben und seit 1948 im
Niemandsland gestanden hatten, um Platz für den sogenannten
"Grüngürtel", das "David City Projekt"
und die Umgehungsstraße um die Altstadtmauern zu schaffen;
|
| Geschäfte und eine Plastikwarenfabrik
entlang der Mauer am Armenischen Viertel mußten verlassen
werden und wurden für den gleichen Zweck niedergerissen;
|
| die Bereinigung des Niemandsland-Gebietes,
die Sprengung der meisten Bauten wie der Konvent der Reparatrice
Sisters, das alte Postgebäude, die Geschäfte, die
zum Griechischen Orthodoxen Patriarchat gehört hatten,
die franziskanische Terra Santa Schule, die syrisch-katholische
Kirche, sowie private Wohnhäuser, |
| der sogenannte "Census"
vom 26.7.1967, der die Oststadt unter strikte Ausgangssperre
stellte und nur als Jerusalemer registrierte, wer gerade in
der Altstadt und den arabischen Vierteln außerhalb der
Altstadt anwesend war (wie auch in den übrigen besetzten
Gebieten geschehen): es wurden 66.000 palästinensische
Jerusalemer registriert, davon 22.000 aus den neu eingemeindeten
Gebieten; Abwesende konnten später versuchen, über
"Familienvereinigung" zurückzukehren, was aber
zumeist verwehrt wurde; |
| Klassifizierung der Ost-Jerusalemer
Palästinenser als "Permanente Bewohner" nach
dem israelischen "Law of Entry"-Gesetz von 1952; |
| die "legale" Annexion
Ost-Jerusalems durch die Knesset am 27.7.1967; |
| die "Vereinigung"
der Stadtverwaltung am 28.7.1967 und Erweiterung der Stadtgrenzen
um das dreifache (von Bethlehems Nordgrenze bis nach Kalandia
im Süden Ramallahs, unter Ausschluss von Teilen der dichtest
bevölkerten Jerusalemer Vororte wie Ar-Ram, Abu Dis, Izariyya
und große Teile des Kalandia Flüchtlingslager); |
| die Amtsenthebung des Bürgermeisters
von Ost-Jerusalem und die Enteignung seines Büros am 29.7.1967;
|
| die Schließung aller
Banken, Handels- und Geschäftshäuser, gefolgt vom
zwangsweisen Anschluß an das israelische Steuern-, Banken-
und Handelssystem. |
All dies geschah binnen weniger Wochen, die Ausweisung der Bewohner
und Geschäftsinhaber aus dem Maghreb Viertel geschah binnen
weniger Stunden. Danach wurden Politik und Planung der israelischen
Verwaltung und der zionistischen Organisationen in der Altstadt
und um die Altstadt herum von folgenden Leitmotiven bestimmt:
| die Konfiszierung von palästinensischem
Land und Gebäuden so viel als möglich und mit allen
verfügbaren Mitteln, einhergehend mit der Festlegung neuer
Grenzen, um die territoriale Basis für eine zukünftige
international anerkannte Hauptstadt zu sichern; |
| die Verpflanzung so vieler
jüdisch-israelischer Bewohner in die konfiszierten Flächen
und Gebäude wie nur möglich, durch umfangreiche Kolonieprojekte,
um die demographischen Verhältnisse zugunsten jüdisch-israelischer
Mehrheiten und damit Argumente für die internationale Anerkennung
Jerusalems als israelische Hauptstadt zu sichern; |
| die Reduzierung der arabischen
Bewohnerschaft in den neu geschaffenen Grenzen Jerusalems auf
ein Minimum, durch Vertreibung, ökonomische Knebelung,
kulturelle und soziale Diskriminierung und politische Entmündigung,
aber vor allem mit Hilfe der Entziehung der Bürgerrechte
mit den unterschiedlichsten Mitteln; |
| die Abtrennung Jerusalems
von der Westbank und damit die Zerstörung der traditionellen
Beziehungen zwischen Ost-Jerusalem und seinem Hinterland und
auch der Zerstörung jeder Illusion, daß Jerusalem
die Hauptstadt eines wie auch immer gearteten palästinensichen
Staatsgebildes werden könnte. |
Die Stadtplanung exekutiert bis heute einen großen Teil dieser
Schritte. In offiziellen Verlautbarungen der Stadtplaner heißt
es:
"Die Analyse der Rolle Jerusalems für den nationalen
und den Hauptstadtzusammenhang [...] war der erste Schritt bei der
Planung. [...] Der Wunsch, eine jüdische Mehrheit aufrechtzuerhalten
und die Hoffnung, Jerusalems Status als der nationalen Kapitale
zu sichern - haben die Idee eines schnellen Aufbaus und einer schnellen
Entwicklung geleitet. [...] Die überragenden und undiskutierbaren
Prinzipien für die Planung in Jerusalem ist die Verwirklichung
der Einheit".
"Seit der Wiedervereinigung Jerusalems im Jahre 1967 hat der
Bau von zwei Ringen an neuen Wohnsiedlungen um das City-Zentrum
herum eine Art neuer Wälle geschaffen, die in erster Linie
als politische Barrieren gegen eine erneute Teilung wirken sollen".
Neben den staatlichen Institutionen handeln in diesem Rahmen die
zionistischen Organisationen und die Siedler in einem Bündel
legaler, halblegaler und illegaler Aktionen, unterstützt durch
den Staat, das Militär, gesponsort von vielen bekannten und
unbekannten Quellen.
4.1. Kolonien auf enteignetem Boden
Seit 1967 werden kontinuierlich Kolonien, exklusiv jüdisch-israelische
Siedlungsgebiete, in drei Ringen um die Oststadt errichtet. Sie
trennen mit einem Netz neuer Straßen und Autobahnen die Stadt
von ihrem Umland und verbinden sie gleichzeitig mit Israel und der
westlichen, jüdisch-israelischen Neustadt. Es werden unterschieden:
| das "Nordtor": hier
entstanden die größten Siedlungsgebiete mit etwa
inzwischen 100.000 Siedlern und der Großsiedlung Ramot
Allon und Bet El; |
| das "Osttor" mit
der Großsiedlung Maale Adumim und etwa 26.000 Siedlern;
|
| das "Südtor"
mit etwa 50.000 Siedlern und den Großsiedlungen Gilo und
Efrat. |
Für diese Großkolonien wurden Ländereien der umliegenden
Dörfer und Vororte konfisziert wie Beit Iksa, Beit Hanina,
Neve Samuel, Hizma, Jaba", Al-Jeeb, Beitunia, Bir Naballa,
Shuafat, Ras Khamis, Ras Shuhade, Abu Dis, Aizeriyeh, Issawiyeh,
Anata, Silwan, Tur, Za"yim, Um Tuba, Bethlehem, Beit Safafa
und Beit Jala; außerdem wurden Beduinen von ihrem traditionellen
Land vertrieben, wie erst kürzlich die Jahalin Familien.
Der Aufbau dieser Kolonien geschah in drei Etappen:
| Erster Siedlungsgürtel,
1968 - 1973: Er stellt die nördliche Verbindung zwischen
der Hadassah Universität auf dem Mount Scopus zur Weststadt
dar und trennt damit die Altstadt und Sheikh Jerah von den nördlichen
Stadtteilen Shuafat und Beit Hanina. |
| Zweiter Siedlungsgürtel,
1970 - 1985: Er stellt die südliche Verbindung zwischen
den beiden Teilen der Stadt dar und bildet einen weiteren Kreis
um das östliche Zentrum der Stadt von Gilo im Süden
bis Ramot Allon im Nordwesten. |
| Dritter Siedlungsgürtel,
1975 bis heute: Er umfaßt die drei Großsiedlungen
im weiteren Umkreis der Oststadt wie Beit El im Norden, Maale
Adumimm im Osten und Efrat im Süden, die als Eckpunkte
des seit 1980 bekannt gewordenen "Groß-Jerusalem"-Planes,
nach dem Beithlehem und Ramallah in die Stadtgrenzen einbezogen
werden sollen, ihren Sinn erfüllen; inzwischen wurde ein
großer Teil der Hügel zwischen diesen drei Siedlungen
mit punktuellen kleinen Siedlungen bebaut, so daß der
dritte Ring zu einer Siedlungskette verdichtet wurde. |
Entsprechende Straßenführungen ergänzen das Konzept
der Teilung (der palästinensischen Gebiete) und Verbindung
(der israelischen) durch neue Autobahnen und By-Pass-Straßen,
die dem Prinzip der Vermeidung des direkten Kontakts mit den palästinensischen
Siedlungsgebieten und den Flüchtlingslagern entlang der Straßen
folgen.
4.2. Das direkte Umfeld der Altstadt - "Beseitigung der Narben"
Die Planungskonzepte im Umkreis der Altstadt dienen vor allem der
Anbindung der Altstadt an die Neustadt durch Projekte auf dem ehemaligen
Niemandsland im Westen des Jaffatores und des Neutores über
Mamilla und Musrara. "Beseitigung der Narben" (der Trennung)
war das Motto der Planung. Dazu gehören:
| der Grüngürtel um
die Wälle, |
| die Umwandlung des Musrara-Geländes
zum Haupttaxi- und Busverbindungsplatz, |
| ein gigantisches Bauprojekt
mit Bus- und Parkanlagen, der Wohnparkanlage "Davids City"
und Hotels auf dem Mamilla-Gelände, |
| die sogenannte Kulturmeile
mit Windmühlenviertel, Open Air Theater an den Salomon-Teichen
und Cinematheque, |
| der Archälogiepark, unterhalb
des Maghrebviertel und der Al-Aqsa-Moschee, |
| die Silwan-Quelle und Archäologiepark,
|
| die Promenade im Südosten
und Abu Tur, |
| das Regierungsviertel und
die Hotel- und Kongreßbauten und |
| die Nutzung des Ölberges
als jüdischer Hauptfriedhof. |
Daneben sind Siedler in die östlichen Stadtviertel ausserhalb
der Altstadt eingedrungen, so in Silwan, Abu Dis, Sheick Jerah und
am Ölberg.
4.3. Die Altstadt - Tummelplatz der ultraorthodoxen und ultraaggressiven
Siedlergruppen
Die Stadtplaner vermitteln gern den Eindruck, daß die offiziellen
Akivitäten sich vor allem um die Verschönerung der Altstadt
und die Heraushebung des historischen Erbes bemühen. Leider
ist der Eindruck evident, daß es sich vor allem um die Heraushebung
des jüdischen Erbes handelt und die Verschönerungen eher
Fassade und Make-Up bleiben, und nicht einmal dem Ort angepaßt
sind. Im übrigen kümmert sich die offizielle Planung vor
allem in der Altstadt wenig um das Alltagsleben der Menschen, um
Wohnungen, soziale Infrastruktur, das Versorgungsnievau oder kulturelle
Einrichtungen. Im Gegenteil: Bau- und Modernisierungs-Genehmigungen
werden vorenthalten. Während das Jüdische Viertel jede
Unterstützung genießt, sind die arabischen Viertel auf
Eigenmittel und die Unterstützung durch den islamischen Fond,
den Auqaf, angewiesen - ihre Mittel sind begrenzt. Die offiziellen
Planungsveränderungen in der Altstadt betreffen vor allem:
| Das Jüdische Viertel:
Mit Hilfe internationaler Spender werden die Wohnblocks erneuert,
modernisiert, ergänzt, verändert und einige Teile
im großen Stil neu gebaut, wie z. B. das Gebäude
der Zionistischen Weltorganisation. Museal, wohlhabend und sauber
hat es einen vollständig anderen, artifiziellen Charakter
im Vergleich zu dem lebendigen, vielfältigen, wenn auch
sichtbar ärmeren arabischen Teil der Altstadt. Das Jüdische
Viertel und vor allem der riesige Platz vor der Klagemauer ist
zudem durch erhebliche Kontrollanlagen und Barrieren vom Rest
der Stadt abgetrennt, wie ein Getto. |
| Die Pilgerplätze und museale
Orte: Daneben haben die Planer einige touristische Orte in der
sterilen Art der europäischen Fußgängerzonen
"verschönt", wie Teile der Via Dolorosa, der
Zugang zum Damaskustor, der innere Bereich des Jaffatores und
der Ausbau der Zitadelle als jüdisches Museum der "David-Stadt".
|
| Der Tunnel: Einschneidend ist
der 1998 gegen internationale Proteste eröffnete Tunnel
von der Klagemauer, dessen Ausgang in die Via Dolorosa auf der
Höhe der dritten Station mündet; seitdem dort täglich
hunderte von Gruppen herausströmen, bestimmen Body-Guards,
Polizisten und Soldaten das Bild zwischen Löwentor und
Al-Wad-Straße am Österreichischen Hospiz. |
Im Übrigen überlassen die Planer die wirkliche Umwandlung
der Stadt den aggressiven Siedlergruppen wie Shuvat Banim und Young
Israel - Gruppen, die mit der Siedlerbewegung Gush Emmunim zusammenarbeiten
und so etwas wie ein Konzept der "Hebronisierung" verfolgen.
Kein Altstadtquartier ist mehr von ihnen verschont, muslimische
ebenso wie christliche. Sie vergiften das Klima, verändern
die Baustruktur und das äußere Bild der Altstadt und
vertreiben die arabischen Nachbarn und machen das Leben unsicher.
Und wo immer sie sich etablieren, sind auch Polizei und Militär
zur Stelle, um sie zu "schützen". Besonders betroffen
sind:
| das Viertel um die Khaldiyestraße
und Bab al Sayara; dort ist die Erweiterung des Jüdischen
Viertels beabsichtigt; |
| das Viertel entlang der Altstadtmauer
vom Bab al Qatan zum Bab al Hadid und dem Afrikanischen Viertel;
hier wurde ein Teil der Mauer als Mauer des Salomontempels deklariert
und ist seitdem vor allem von jüdischen Frauen begehrter
Ort zum Beten geworden; während der Betzeiten besteht eine
Art Ausgangssperre für die Anwohner; |
| die Al-Wad-Straße ist
in vielen Häusern in den oberen Geschoßen von Siedlern
okkupiert, während im Erdgeschoß noch arabische Geschäfte
und Restaurants zu überleben versuchen; vor allem das Haus,
das Ariel Sharon Ende 1987 zu Beginn der Intifada besetzen ließ,
ist ein Zentrum von privaten Body-Guards und bewaffneten Siedlern,
die von hier aus ihre Kontrollgänge beginnen; |
| das Viertel um Bab al Sahra
und Burj Laq Laq ist seit langem von Siedlern bedroht; teilweise
konnten ihre Aktionen in den letzten zwei Jahren rückgängig
gemacht werden; |
| auch im Christlichen Viertel
im Umfeld der Grabeskirche haben sich Siedler etabliert; |
Den Siedlern sind Polizeistationen gefolgt. Da diese fast überall
anzufinden sind und zudem durch das viele Militär sowie durch
bewaffnete Polizeistreifen und private Body-Guard-Gruppen, die wie
eine dritte Macht in der Stadt präsent sind, ergänzt werden,
entsteht das Bild einer unsicheren Stadt. So wird ein palästinensisches
"Sicherheitsproblem" suggeriert, obwohl eigentlich die
Siedler das Sicherheitsproblem darstellen.
Die Durchdringung der Stadt durch jüdisch-israelische Präsenz
wird begleitet von einer Politik der Entmutigung und Vertreibung
der palästinensischen Bewohner. Es geht aktiv um die Reduzierung
und Diskriminierung der verbliebenen arabischen Bevölkerung
Ost-Jerusalems. Die Palette der Planungsmaßnahmen ist ausgefeilt
und behindert aktiv die Entwicklung der palästinensischen Siedlungsgebiete.
Sie umfaßt unter anderem:
| Masterpläne für
die arabischen Viertel, die die Baugebiete erheblich beschneiden
und den größten Teil des betreffenden Raumes für
Grünflächen und Erweiterungsgebiete der jüdischen
Siedlungen ausweisen: Etwa für 40% der verbleibenden palästinensischen
Gebiete sind mittlerweile solche Pläne erstellt worden;
darin sind fast 40% der Fläche als nicht zu bebauendes
Land ausgewiesen. Dies bedeutet insgesamt, daß nur etwa
11% der Ost-Jerusalemer Fläche für die Erweiterung
der Wohngebiete der Palästinenser freigegeben ist. |
| Konfiszierung von palästinensischem
Bodeneigentum für diverse stadtplanerische Zwecke: Mehr
als ein Drittel der Ostjerusalemer Fläche wurde auf derart
"legale" Weise für die neuen Kolonien enteignet.
|
| Festlegung einer niedrigen
Bebauungsdichte: Während für jüdisch-israelische
Wohngebiete eine Bebauungsdichte von z. B. 120% oder 136% vorgesehen
ist, wird für die arabischen Wohngebiete nur eine Dichte
von 25% bis 50% (ein- bis zweigeschossige Bauweise) verordnet;
nur Beit Hanina und Shuafat haben die Erlaubnis für eine
Bebauungsdichte von 75%, was immerhin eine Bauweise von bis
zu 4 Geschossen ermöglicht. |
| Begrenzte Vergabe, komplexe
Hindernisse für die Vergabe und Verweigerung von Baulizenzen,
was vor allem im Wohnbereich illegales Bauen notgedrungen zur
Folge hat. |
| Entsprechend der Limitierung
von Wohnbauflächen im arabischen Sektor ist höchstens
eine Erweiterung der vorhanden Wohnungen um etwa 5.000 Einheiten
möglich. |
| Konsequenter Abriß von
sogenannten illegalen Wohnbauten: Zwischen 1993 und 1998 wurden
allein 144 Häuser abgerissen, über 4 000 Häuser
sind durch Bescheide vom Abriß bedroht. |
| Begrenzung von Gewerbegebieten:
Nur 0,5% des gesamten palästinensischen Stadtgebietes ist
nach den Plänen für Gewerbe und Industrie vorgesehen.
|
Das Ergebnis sind: Überfüllung der Wohngebiete, begrenzte
Ausbaumöglichkeiten und Illegalisierung der palästinensischen
Bautätigkeit. Folgende Indizes verdeutlichen dies im Vergleich
der Situation in Ost- und West-Jerusalem zwischen1967 und 1996:
| Im palästinensischen
Teil der Stadt sind 2,2 Wohneinheiten pro dunum errichtet worden,
gegenüber 6,1 im israelisch-jüdischen Teil. |
| Im palästinensischen
Teil der Stadt beträgt die Einwohnerdichte etwa 14,6 Personen
per dunum, im israelisch-jüdischen Teil 21,7. |
| Im palästinensischen
Teil der Stadt beträgt die Belegungsdichte per Wohneinheit
2,2 Personen pro Raum, im israelisch-jüdischen Teil 1,1.
|
| Im palästinensischen
Teil der Stadt leben 27,8% der Bevölkerung mit 3 und mehr
als 3 Personen pro Raum, im israelisch-jüdischen Teil nur
2,4%. |
| Im palästinensischen
Teil der Stadt leben 61,5% der Bevölkerung mit 2 oder mehr
Personen pro Raum, im israelisch-jüdischen Teil nur 13,5%.
|
| Im palästinensischen
Teil der Stadt wurden 10.473 Wohnheiten zu den bestehenden 12.600
dazugebaut, im israelisch-jüdischen Sektor dagegen kamen
70.692 zu den bestehenden 57.500 Wohneinheiten dazu, d. h. im
palästinensischen Sektor wuchs der Wohnungsbestand um 83%,
während er im gleichen Zeitraum im israelisch-jüdischen
Sektor um 123% wuchs. |
| Bezogen auf das Wachstum der
Bevölkerung ist festzustellen, daß im palästinensischen
Sektor eine neue Wohneinheit pro 9,7 Bewohner entstand, im israelisch-jüdischen
Sektor dagegen eine Wohneinheit pro 3 Bewohner. |
Die Liste derartiger Diskriminierung durch unterschiedliche Behandlung
läßt sich auf andere städtische Infrastruktur-Bereiche
wie Versorgung mit Wasser, Abwasser- und Müllentsorgung ausdehnen,
ebenso auf Bereiche des Alltagslebens, wie Erziehung und Gesundheitsversorgung
und schließlich auf die Lage auf dem Arbeitsmarkt und bei
der Berufsausbildung.
Steuern und Belastungen wirken für die palästinensischen
Bewohner der Stadt katastrophaler, weil das Einkommensniveau etwa
nur ein Drittel dessen der westlichen, israelisch-jüdischen
Seite beträgt.
Hinzu kommen die politischen Diskriminierungen, vor allem die Konfiszierung
der Jerusalemer Identitäts-Ausweise. Allein 788 Palästinensern
wurden 1998 die Jerusalemer Identitätspapiere abgenommen, bzw.
nicht erneuert: weil sie die Summe der Papiere nicht vollständig
nachweisen konnten, die ihren Lebensmittelpunkt Jerusalem für
die letzten 7 Jahre belegen könnten; weil sie einen Ehepartner
außerhalb Jerusalems geheiratet haben; weil sie mehrere Jahre
z. B. zum Studium im Ausland waren; weil sie in der Westbank arbeiten
etc.
5. Das Jahr-2000-Geschäft
Große Hoffnung haben die palästinensischen Familien,
die zumeist von Handel und Tourismus abhängig sind, auf das
Jahr 2000 gesetzt. Aber selbst diese Hoffnung zerschlägt sich
immer deutlicher:
| Das Tourismusgeschäft
ist hauptsächlich in israelisch-jüdischer Hand; die
arabische Seite hat noch 47 lizensierte Fremdenführer gegenüber
4.500 israelisch-jüdischen. |
| Die großen, modernen
Hotels befinden sich ausschließlich in West-Jerusalem.
|
| West-Jerusalemer Investoren
erhalten günstige Kredite, während der arabische Sektor
vor allem auf eigene Mittel angewiesen ist. |
| In allen Sektoren, in der
Alltagsversorgung, Hotelversorgung, Verkehrsversorgung konkurriert
die arabische Seite mit einem vielfach potenteren Gegenüber.
|
| Israel stellt das Problem
der Sicherheit in den Vordergrund und warnt die Touristen vor
den palästinensischen Händlern. |
| Die permanente Anwesenheit
von bewaffneten Kräften - seien es Body-Guards, Polizisten,
Soldaten oder Siedler - unterstützt den Eindruck von Gefahr.
|
| Das Ende der Maßnahmen,
die die arabsiche Seite schwächen und ruinieren werden,
ist noch nicht abzusehen. Und Israel versteht es gut, einen
positiven Schein um seine Maßnahmen zu rahmen. |
| Der private Verkehr soll während
der Feiertage und im Jahre 2000 ganz aus der Nähe der Altstadt
verschwinden. Das israelische Busunternehmen Egged wird freien
Transport anbieten und die Touristen, ja sogar die Muslime kostenlos
in die Nähe der Altstadt bringen. Wie wunderbar und ökologisch
dazu! Aber: dies wird das Ende der ohnehin schwachen palästinensischen
Busunternehmen einläuten. |
| Die Händler wurden angwiesen,
ihre Waren nicht mehr außerhalb der Gebäude aufzustellen
- damit die Millionen von Touristen besser durchkommen. |
| Das Fernsehen darf nun alles
direkt aus den Hauptstraßen der Altstadt übertragen,
es sind überall und in geringem Abständen Kameras
angebracht worden - und Orwell guckt mit? |
6. Fazit
Israelische Planungen und Entwicklungen auf der Ostseite Jerusalems
haben in der "vereinten" Stadt Jerusalem unter den oben
angesprochenen Leitideen immer nur eines verfolgt:
| Erhalt der Macht und der Mehrheit,
|
| Übernahme der Strukturen
der besetzten Gesellschaft und Überformung, sowie |
| Verdrängung und Zerstörung
der autochthonen, besetzten Gesellschaft. |
Und das sind nichts anderes als die Ziele einer Siedlergesellschaft,
die die autochthone Gesellschaft politisch, sozial und kulturell
in die Knie zwingen will. Demokratische Leitideen wie die Herstellung
von Cancengleichheit, soziale Grundsicherung und Toleranz in der
multikulturellen Vielfalt gelten zumindest auf der arabischen, Ost-Jerusalemer
Seite nicht. Insofern hat Israelische Planung hier immer einen diskrimierenden,
rassistischen Charakter.
Und leider hat dies die internationale Gemeinschaft bisher am Ende
toleriert.
Aus der einst so kosmopolitisch aufstrebenden neuen Stadt Jerusalem
ist inzwischen durch den zionistischen Plan ein ethnisches Ghetto
geworden. Der Prozeß der Enteignung Jerusalems von seinen
ursprünglichen palästinensischen Bewohnern ist nicht abzusehen.
Man kann nur hoffen, das Jerusalem nicht in Kürze das Schicksal
Jaffas ereilt, das die Tel-Aviver gern "unsere Altstadt"
nennen; gereinigt von arabischer Anwesenheit, ein steriles Museum,
eine unlebendige religiöse Stadt oder ein ethnisches Ghetto
der Juden allein.
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*Viktoria Waltz lehrt an der Fakultät Raumplanung der Universität
Dortmund und betreut seit 2001 die Partnerschaft ihrer Fakultät
mit der Faculty of Engineering der Universität Birzeit.
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