Ein israelisches pathologisches Institut ist ins internationale Gerede gekommen: Es soll im großen Stil getöteten Juden und vor allem Palästinensern illegal Organe entnommen haben, Joseph Croitoru hat hierzu recherchiert. Das schwedische "Aftonbladet" ist nicht unbedingt die erste Adresse für seriöse Berichterstattung. Als sein freier Mitarbeiter Donald Boström dort kürzlich über einen Rabbiner aus Brooklyn berichtete, der in den Vereinigten Staaten wegen des Verdachts auf Organhandel verhaftet wurde, griff er im selben Atemzug auch Vorwürfe über israelischen Organraub an Palästinensern auf, die aus den neunziger Jahren stammen. Welche Verbindung zwischen den beiden Fällen bestehen sollte, war dem Artikel nicht zu entnehmen.
In dem Bericht, der mit keinem Beleg untermauert wurde, hieß es: "Wir wissen, dass der Bedarf an Organen in Israel groß ist, dass seit langem ein umfangreicher illegaler Organhandel stattfindet . . . Und wir wissen, dass junge palästinensische Männer verschwinden, sie nach fünf Tagen im Dunkel der Nacht wiederauftauchen, aufgeschnitten und zugenäht."
Mit diesen Behauptungen machte sich die Zeitung angreifbar und wurde auch zu Recht von jüdischer Seite angegriffen. Wie häufig bei Kritik aus dem Ausland griff man in Israel zum Antisemitismus-Vorwurf. Das Wort von der "Blutlegende" machte die Runde, Ministerpräsident Netanjahu forderte von Stockholms Regierung die offizielle Verurteilung des Artikels, allerdings ohne Erfolg. Wie der Chefredakteur von "Aftonbladet", Jan Helin, einige Tage später schrieb, wurde die Redaktion in der Zwischenzeit mit Hunderten verleumderischer E-Mails bombardiert. Helin versicherte, dass er kein Antisemit sei, und blieb bei dem Standpunkt, dass die in dem Beitrag aufgeworfenen Fragen zum Umgang mit Leichnamen getöteter Palästinenser nach wie vor relevant seien. Umgehend schickte er zwei Reporter zu der palästinensischen Familie, die von Boström im Zusammenhang mit den Organdiebstahlvorwürfen erwähnt worden war.
Ihr Angehöriger Bilal Ahmad Ghanem, so "Aftonbladet" am 23. August in einem zweiten Bericht, war 1992 in Imatin im nördlichen Westjordanland von einem israelischen Kommando mehrmals angeschossen worden. Wie der Bruder erzählte, hatten die Soldaten darauf bestanden, Bilal mitzunehmen; Boström hatte in seinem Beitrag berichtet, dass Angehörige der Vereinten Nationen und des Roten Halbmondes mit den Soldaten stritten, wer das Opfer versorgen sollte - es wurde schließlich mit einem israelischen Militärhubschrauber abtransportiert.
Fünf Tage später erhielt die Familie Bilals Leichnam - Boström hatte seinen Zustand damals fotografisch dokumentiert - zurück: mit einer groben Naht vom Unterleib bis zum Kinn, zudem waren nach Aussage des Bruders Brust und Bauch stark eingefallen. Er vermutet, dass Bilal Organe entnommen wurden, kann dies aber nicht beweisen. Von israelischer Seite wird der Vorwurf der unerlaubten Organentnahme vehement zurückgewiesen.
Das Institut Abu Kabir und das Militär arbeiten eng zusammen
Mit dem zweiten Bericht von "Aftonbladet", vor allem mit der Aussage des Bruders, er könne keinen greifbaren Beleg für eine Organentnahme vorlegen, gelten diese Anschuldigungen in der israelischen Öffentlichkeit als weitgehend widerlegt. Die Palästinensische Autonomiebehörde hat die Bildung einer Untersuchungskommission auf Ministerebene angekündigt, die Aufklärung schaffen soll. Diese ist in der Tat mehr als überfällig. Leichname der bei israelischen Militäreinsätzen getöteten Palästinenser werden im nationalen rechtsmedizinischen Institut Abu Kabir bei Tel Aviv seit Jahrzehnten routinemäßig autopsiert - um, so die offizielle Begründung, die genaue Todesursache zu klären. 1992, als Bilal Ghanem obduziert wurde, war in Abu Kabir Professor Yehuda Hiss seit vier Jahren Chef der Einrichtung. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Institut nachweislich zu einem Selbstbedienungsladen. Organe, Gewebe und Knochen wurden in zahlreichen Fällen den Leichen auch ohne Zustimmung der Angehörigen entnommen. Gegen eine Aufwandsentschädigung fand manches davon den Weg in medizinische Forschungseinrichtungen des Landes.
Zwei Journalisten der Zeitung "Jediot Ahronot" wiesen 2000 auf die Missstände hin. Die Vorwürfe wurden im Jahr darauf von der Segelson-Untersuchungskommission im Wesentlichen bestätigt. Die Kommission bemängelte außerdem die lückenhafte Dokumentation von Obduktionen, Organ- und Gewebeentnahmen sowie den Umstand, dass Hiss, der Institutsleiter, Autopsieberichte unterschrieben hatte, bei deren Durchführung er nicht zugegen war. Bei den Untersuchungen stieß man auch auf finanzielle Ungereimtheiten.
Der Segelson-Bericht, der die Empfehlung aussprach, die Vorgänge in Abu Kabir weiter untersuchen zu lassen, wurde dem Gesundheitsminister vorgelegt. Trotz der polizeilichen Ermittlungen gegen ihn blieb der Institutschef Hiss lange Zeit unbehelligt. Allerdings gerieten er und sein Institut immer wieder in die Schlagzeilen, besonders nachdem 2003 aufgeflogen war, dass dem Leichnam des israelischen Soldaten Daniel Hiller unerlaubt Organe entnommen worden waren. Zu Konsequenzen führte allerdings erst 2004 der Fall des zwölfjährigen israelischen Arabers Meiman Schtawi, der bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Das Gesicht seines im Institut untersuchten Leichnams war dort von Ratten angefressen worden. Hiss verschwieg den Vorfall, was den neuen Gesundheitsminister schließlich veranlasste, ihn seines Amtes zu entheben. Hiss blieb jedoch in Abu Kabir und leitet dort, obgleich er Anfang 2006 wegen der Vorgänge von einem Verwaltungsgericht verwarnt wurde, bis heute den Bereich Rechtsmedizin.
Die Segelson-Kommission bewirkte auch, dass das Institut 2003 über die Militärverwaltung 104 Familien von in den Jahren 1999 bis 2001 dort obduzierten israelischen Soldaten mitteilen ließ, noch im Besitz von eigenmächtig entnommenen Organen ihrer Angehörigen zu sein. Diese wurden zur nachträglichen Bestattung zurückgegeben. Ähnliche Fälle, in denen es sich jedoch nicht um Soldaten, sondern um Zivilisten handelte, waren wiederholt Gegenstand von Prozessen gegen das Institut und Hiss; die Kläger wurden entschädigt.
Die Aufregung beschränkte sich auf die jüdischen Fälle - die obduzierten Palästinenser waren kein Thema. Dass arabisch-israelische Abgeordnete forderten, die Vorgänge im Institut auch im Hinblick auf die dort eingelieferten Palästinenser zu untersuchen, war höchstens eine Randnotiz wert. Geschehen ist bis heute nichts, aber in Abu Kabir war man nun vorsichtig geworden. Dies ging aus einem Bericht der Zeitung "Haaretz" vom 13. Juni 2002 hervor, in dem von rund zwanzig Palästinensern die Rede war - Leichname von Selbstmordattentätern und von Kämpfern, die von den Israelis getötet worden waren -, bei denen keine Autopsie vorgenommen werden konnte, weil es nicht möglich war, die Zustimmung der in den Palästinensergebieten wohnhaften Familien einzuholen.
Über die palästinensischen Fälle liest man nur Randnotizen
Die Zeitung schrieb: "Seit der Veröffentlichung des Berichts der Segelson-Kommission reagiert man am Institut für Rechtsmedizin äußerst empfindlich beim Thema Umgang mit den Leichnamen, da man Klagen befürchtet; was die palästinensischen Fälle anbelangt, fürchtet man auch, vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt zu werden." Der Beitrag von "Haaretz", in dem auch von einem unter den Behörden entbrannten Zuständigkeitsstreit beim Umgang mit den palästinensischen Leichnamen berichtet wurde, stellte eine seltene Ausnahme dar. Denn für die palästinensischen Fälle ist an und für sich die israelische Armee zuständig - und hier greift offenbar die Militärzensur. Dass das Militär mit dem Institut nicht nur zusammenarbeitet, sondern dort auch eigenes Personal unterhält, wurde in den Untersuchungen der Segelson-Kommission zumindest in einem Fall deutlich: Chen Kugel, einer der Pathologen, die zur Aufklärung der Zustände, die unter der Leitung von Hiss herrschten, beigetragen hatten, war in Abu Kabir als Militärarzt beschäftigt - seinen Angaben nach im Bereich der Personenidentifizierung.
Seine Aussage vor der Kommission hatte zur Folge, dass Kugel aus dem Institut gemobbt wurde. Als er daraufhin 2005 das erste private rechtsmedizinische Institut Israels gründete, berichtete er in einem Interview mit "Jediot Achronot" noch einmal über seine Erfahrungen in Abu Kabir - ohne ein Wort über die palästinensischen Fälle zu verlieren, nach denen er auch nicht gefragt wurde. Kugel zufolge waren 1991, als er als Vertreter des Militärs in das Institut eintrat, Organentnahmen ohne Zustimmung der Angehörigen Routine.
Dies ist auch die Zeit, in die der Fall Bilal Ghanem fällt, über den "Aftonbladet" berichtete. Die Zustände, die seinerzeit am Institut geherrscht haben dürften, legen den Schluss nahe, dass dort auch Palästinensern ohne Wissen oder Zustimmung ihrer Familien Organe entnommen wurden. Von hier bis zum gezielten Organhandel ist es freilich noch ein weiter Weg, wenngleich dieses Thema seit Mitte der neunziger Jahre die Medien im Land immer wieder beschäftigt hat und überhaupt erst im vergangenen Jahr der israelische Gesetzgeber Organhandel ausdrücklich verboten hat.
Die Israelis haben es jedenfalls bis heute nicht für nötig befunden, die palästinensischen Vorwürfe über einen systematischen Organraub öffentlich zu entkräften. Die fast schon vergessenen Fälle aus den neunziger Jahren hat nun die schwedische Zeitung in Erinnerung gerufen, wenn auch - jedenfalls in ihrem ersten Bericht - mit journalistisch zweifelhaften Methoden. Am Recht der Palästinenser auf Aufklärung ändert dies aber nichts.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung; 13. Oktober 2009