Ein halbes Jahr nach dem Ende des Gaza-Kriegs leiden die Palästinenser in dem Küstenstreifen noch immer unter den Folgen und Israels Blockade. Über ihr Leben berichtet im Folgenden Martin Gehlen. Khaled Misbah Al Attar ist einsilbig geworden. Er streichelt den jungen Feigenbaum, den er vor drei Monaten gepflanzt hat - gleich hinter dem Trümmerhaufen, der einmal sein Haus war. „Ich bin stolz auf unseren Kampf, aber ich will keinen weiteren Preis mehr zahlen“, murmelt er. „Jeden Morgen, wenn ich mir mein früheres Zuhause anschaue, laufen mir die Tränen.“
Im Januar, kurz nach Ende des 22-tägigen Krieges zwischen Israel und Hamas, hatte sich der 55-jährige Anhänger der radikal-islamischen Organisation noch stolz und trotzig auf dem Dach des umgeworfenen Hauses im Städtchen Beth Lahia fotografieren lassen, zusammen mit seiner Enkelin Mariam. Jetzt sitzt er die meiste Zeit in sich gekehrt vor einem kleinen Wohncontainer, den die Türkei gespendet hat, in dem man aber wegen der Sommerhitze nicht wohnen kann. Einer seiner vier Söhne kam als Kämpfer ums Leben.
40 Personen hausen nun zusammengepfercht im zweiten Gebäude der Familie. Die mannsgroßen Löcher in den Zimmern des ersten Stocks, die dort verschanzte israelische Soldaten hineingesprengt hatten, sind wieder zugemauert. Ihre Graffiti im Flur und Wohnzimmer will Al Attar in den nächsten Wochen übermalen, wenn er das Geld für Farbe zusammen hat.
Damals in den aufgewühlten Tagen nach Kriegsende konnte man die achtjährige Imam Abu Amira schon vom Treppenhaus aus schreien hören, wenn ihr morgens im Schifa-Hospital der Verband von den verbrannten Beinen gezogen werden musste. Die Oma versuchte, das schwer verletzte Kind zu trösten. Mit frisch versorgten Wunden und einer Beruhigungsspritze hatte die Kleine dann eine gute Stunde, bevor sie erschöpft wieder einschlief.
Zwei Monate später durfte sie nach Hause ins sogenannte Beach Camp, das größte Flüchtlingslager des Gaza-Streifens. In der Schule gehört sie trotz der Zeit, die sie gefehlt hat, zu den Besten. Tag und Nacht muss sie eine Spezialhose tragen, damit die zerstörte Haut so weich wie möglich bleibt und nicht juckt. „Imam schämt sich, ihre Wunden den Freundinnen zu zeigen“, sagt die Mutter. Manchmal wache ihre Tochter nachts auf und schreie. „Wenn ich sie frage, was los ist, sagt sie, ich will nicht darüber reden.“
Gaza ein halbes Jahr nach Ende des Krieges: Das Schießen hat aufgehört, doch die Explosionen dröhnen weiter – in den kleinen und großen Köpfen, in den Gedanken und Träumen. Manche Kinder sind so aggressiv, dass selbst Mitarbeiter des psychologischen Dienstes vor ihnen kapitulieren.
Viele Ältere können nicht begreifen, dass in Gaza nichts mehr so ist wie vorher, und doch alles genauso wie bisher: Die Strände sind bevölkert, alle paar hundert Meter steht ein Holzgestell behängt mit bunten Schwimmringen. Im Drachensteigen hält Gaza wohl den Weltrekord. Zwei alte Container, in die Fensterlöcher hineingesägt worden sind, dienen in einem Sommercamp für Kinder als Küche. In dem halben Dutzend Hotels an der Promenade von Gaza-Stadt feiern jeden Abend Hochzeitsgesellschaften.
Aber der 360-Quadratkilometer-Käfig der 1,5 Millionen Gaza-Bewohner ist genauso hermetisch abgeriegelt wie seit 2007. Am Himmel patrouillieren demonstrativ israelische Düsenjäger. Die Zone für die Fischerboote wurde noch einmal zusammengedrückt, von sechs auf drei Seemeilen. Und entlang der Grenze im Landesinneren zieht der israelische Militärgeheimdienst wie eh und je an Seilen seine Zeppeline hin und her, die mit Hochleistungskameras alles im Auge behalten. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit dagegen ist längst weiter gewandert – nach Afghanistan, an die Wall Street, nach Teheran.
1417 Bewohner aus Gaza sind nach palästinensischen Angaben in den drei Wochen des Kriegs gestorben, darunter 313 Kinder. Mehr als 5000 wurden verletzt. „Vielleicht hat die internationale Gemeinschaft noch nicht richtig begriffen, was sich hier abgespielt hat. Vielleicht will sie es auch gar nicht wissen“, argwöhnt Eyad al-Sarraj, ein bekannter Kinderpsychologe. „So einen Krieg hat es noch nie gegeben. Es gab keinen sicheren Fleck, es gab kein Entrinnen, für niemanden“, sagt er, während hoch oben über seinem Garten eine F-16 vorüberdröhnt. „Jedes Mal stellte ich mir vor, ich könnte der nächste sein.“ Die Menschen hätten Krieg und Blockade satt, sagt er. „Sie wollen endlich ein normales Leben führen.“
Denn die Enge in Gaza erstickt die Aufgeschlossenen und macht die Engstirnigen noch engstirniger. „Wenn du in einem Käfig lebst, wird alles um dich herum verdächtig“, sagt Ahmed Yussuf, Hamas-Mitbegründer und Berater von Gaza-Regierungschef Ismail Hania. 18 Jahre hat der 59-Jährige in den USA gelebt. „Ich hatte Glück“, so sieht er das heute.
Zwei seiner Brüder arbeiteten viele Jahre in Israel, können Hebräisch. Heute leben sie in Miami und haben beste Beziehungen zur örtlichen jüdischen Gemeinde. „Reisen, das ist wie sich auf einen Hügel stellen. Der Horizont weitet sich, und plötzlich sieht du vieles mit anderen Augen.“
24 Bücher hat der Hamas-Politiker geschrieben, auch sein Neuestes dreht sich wieder um den israelisch-palästinensischen Konflikt. „Von einem Hausdach in Rafah habe ich gesehen, wie zwei Menschen nach einem Raketeneinschlag zusammen mit den Flammen 25 Meter hoch geschleudert wurden – diesen Anblick werde ich bis zum Lebensende nicht vergessen.“
Von Yussufs Büro im 11. Stock hat man einen Blick weit auf das Mittelmeer hinaus. „Wir brauchen mehr frische Luft, es gibt viele vernagelte Leute bei uns“, sagt er. Deren Kosmos bestehe nur aus Leid und Sterben, aus Auflehnung und Kampf.
Einer der Vernagelten ist Abu Halid, wie er sich nennt. Er hat ein gutmütiges, rundes Gesicht, lacht gerne und wäre unter anderen Umständen wohl ein netter Kerl geworden. Seit 2003 gehört er zu den Qassam-Brigaden, dem militärischen Arm von Hamas. Den Krieg hat er mit Datteln, Dosenfleisch und Wasser in Militärtunneln unter der Erde verbracht.
Über der Erde war und ist er Polizist. In einem schwarzen Lederetui trägt er eine Kalaschnikow, die er mit zwei schnellen Handgriffen auseinander klappt. „Wir glauben nicht, dass der Krieg beendet ist. Er wird weitergehen“, sagt er. Seine Einheit trainiere bereits an neuen Waffen – panzerbrechende Geschosse chinesischer Produktion, Stinger-Raketen und Scharfschützengewehre. Und in den Raketenschmieden unter Tage basteln seine Mitstreiter an Raketen, die angeblich bis Tel Aviv fliegen können.
Abu Halid ist der älteste von elf Brüdern und zwei Schwestern – ein schlechtes Vorbild, wie seine Mutter findet. „Du steckst deine Geschwister mit der Gewalt an, und wir alle müssen den Preis dafür bezahlen“, hält sie ihm immer wieder vor. Ein einziges Mal im Leben sei er im Ausland gewesen, sagt der 23-Jährige. Das war 2006, als Hunderttausende Palästinenser die Grenze in Rafah überrannten. Abu Halid kam bis ins ägyptische El Arish, 30 Kilometer hinter dem Schlagbaum. Dort hat er sich an einem Imbiss einen Fisch gegönnt, dann fuhr er am Abend per Anhalter zurück in seinen Gaza-Streifen. Ausland, das stellt er sich herrlich vor – „es gibt so viel Schokolade wie man möchte und genug Zement“, schwärmt er.
Keinen einzigen Sack Zement hat Israels Regierung seit Ende des Krieges hereingelassen, trotz aller Zerstörungen, auch keine Glasscheiben, Ersatzteile, Computer und vieles andere mehr, was im Gaza-Streifen dringend benötigt wird. Überall sieht man in den Straßen Plastikfolien in den Fensterrahmen. Schutt wird zwar abgefahren, aber nicht eine der rund 14.000 zerbomben Wohnungen konnte bisher wieder aufgebaut werden. Ein Teil der Ausgebombten lebt in Zelten, die meisten hausen in drangvoller Enge bei Verwandten.
3900 Betriebe habe es vor 2007 in Gaza gegeben, die meisten mit weniger als vier Angestellten, sagt der Wirtschaftsexperte Omar Shaban, Chef von Palthink, einem palästinensischen Think Tank, und Leiter der katholischen Hilfsorganisation Caritas in Gaza. Davon hätten 3500 wegen der israelischen Blockade dicht machen müssen, weil sie vom Import von Rohmaterial aus Israel abhingen. „Die industrielle Infrastruktur aber – Maschinen, Fabrikräume und Fahrzeuge – die hat erst der Krieg zerstört.“
Mindestens vier Milliarden Dollar und zehn Jahre sind nach Shabans Schätzung notwendig, „bis wir wirtschaftlich wieder auf dem Niveau des Jahres 2000 sind, also vor der Zweiten Intifada“. Von der Milliardenhilfe, die die internationalen Gaza-Konferenz in Sharm-el-Sheich im März zugesagt hat, ist bisher noch kein Cent in dem zerrütteten Küstenstreifen angekommen. Nur eine erste Nothilfe hat die Hamas-Regierung ausgezahlt: 4000 Dollar für ein zerstörtes Haus, 1000 Dollar für einen getöteten Verwandten.
Die meisten haben dieses Geld inzwischen aufgebraucht, so auch die Bäuerin Sabah Abu Halima, deren geschundener Familie die Regierung zusätzlich mit sechs Zentner Saatkartoffeln unter die Arme griff. Zwei Phosphorgranaten durchschlugen die Betondecke ihres Hauses. Ihr Mann, drei Söhne und eine Tochter waren sofort tot, eine Schwiegertochter starb vier Monate später im Krankenhaus in Ägypten. Das Blut im Flur haben ihre sechs überlebenden Söhne mit weißer Farbe übertüncht. Die Küche ist immer noch pechschwarz verkohlt, die geschmolzenen Steckdosen haben weiße, dünne Linien hinterlassen.
„Frau Halima hat die ersten drei Tage ununterbrochen in ihrem Krankenbett gefleht, wir sollten ihrem Mann und ihren Kindern helfen“, erinnert sich der Chef der Plastischen Chirurgie im Schifa-Hospital, Nafiz Abu Shaban. Niemand habe sie beruhigen können, die Ärzte nicht, der Psychologe nicht. „Schließlich haben wir die schwer verbrannte Frau zum Friedhof gefahren, um ihr die Gräber zu zeigen.“
Shaban wurde in Schottland und den USA ausgebildet. „Der Krieg war ein Wendepunkt in meinem Leben“, sagt der 53-Jährige. „Mein Volk zu Tode verbrennen zu sehen, das hat mich total umgekrempelt.“ Sein Haus habe vibriert wie bei einem Erdbeben. „Jeden Tag habe ich damit gerechnet zu sterben.“
Vor dem Krieg habe er zu sich gesagt, „sei realistisch, wir müssen mit den Israelis in Frieden zusammenleben“. Mit vielen jüdischen Ärzten pflegte er Kontakte, nach dem Krieg jedoch hat sich niemand mehr bei ihm gemeldet. Und in Gaza gibt es jetzt so viele Brandverletzte, dass die Warteliste für Operationen mehr als ein Jahr beträgt.
Seinen inneren Pakt der politischen Vernunft hat Nafiz Abu Shaban aufgekündigt: „Mit einem solchen Volk kann man nicht zusammenleben“, sagt er mit leiser Stimme zum Schluss des Gespräches. Es ist kurz vor Mitternacht, sein weißer Toyota steht als letzter auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang der Klinik. Die teuflischen Phosphorreste, die der Chefarzt im Krieg von der Straße aufgelesen hat, hat er immer noch in seinem Büro – verwahrt in einer mit Sand gefüllten, beigen Metalldose. Er braucht nur den Sand etwas wegzukratzen, sagt er, dann brennt es wieder.