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Naomi Klein:
Gaza-Streifen als Laboratorium

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Israel ist der viertgrößte Waffenexporteur weltweit, schreibt Naomi Klein in ihrem Artikel für die Wochenzeitung „The Nation“. Die Palästinenser leben nicht nur in einem Freiluftgefängnis, sie seien auch noch die Versuchskaninchen für die „schrecklichen Geräte unseres Sicherheitsstaates“, zeigt sich die Autorin entsetzt. Erzielt doch Israel mit Sicherheitstechnik das größte Wachstum. "Die wichtigsten Produkte sind die High-tech-Sicherheitszäune, unbemannte Flugkörper, biometrische Identitätskarten, Video- und Audio-Überwachungsapparate, Systeme um Flugpassagiere und Gefangenenverhöre zu kontrollieren - genau all die Apparate und Technologien, die Israel anwendet, um die besetzten Gebiete abzusperren."

Der Gazastreifen ist nicht nur ein Gefängnis - er ist auch ein Laboratorium

Gaza ist in den Händen der Hamas, maskierte Militante sitzen auf dem Stuhl des Präsidenten. Die Westbank ist am Rande der Verzweifelung. Israelische Armeecamps versammeln sich hastig auf den Golanhöhen. Ein Satellitenspion schwebt über dem Iran und über Syrien. Ein Krieg mit der Hisbollah ist nur eine Haaresbreite entfernt. Eine skandalgeplagte politische Klasse hat das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren.

Kurz gesagt: um Israel steht es nicht gut. Aber hier stehen wir vor einem Rätsel: warum boomt in solch einem Chaos und Gemetzel die israelische Wirtschaft wie 1999 mit einem phantastischen Börsenkurs und Wachstumsraten – ähnlich denen in China.?

In der New York Times legte Thomas Friedman kürzlich seine Theorie dar. „Israel nährt und belohnt individuelle Phantasie“, und deshalb bringen seine Leute massenweise geniale Hochtechnik-Erfindungen hervor – egal, welches Chaos seine Politiker verursachen . Nachdem Friedmann Studienprojekte der Studenten der Ingenieur- und Computerwissenschaften an der Ben Gurion Universität durchgesehen hat, machte er eine seiner berühmten Äußerungen, die eigentlich etwas völlig anderes meinen: „Israel hat Öl gefunden“ Dieses Öl liegt anscheinend in den Köpfen von Israels „jungen Erfindern und Abenteuerkapitalisten“, die zu eifrig sind, indem sie Megadeals mit Google machen, um durch Politik aufgehalten zu werden.

Es gibt noch eine andere Theorie: Israels Wirtschaft boomt nicht trotz des politischen Chaos, das die Schlagzeilen ausmacht, sondern genau deswegen. Diese Entwicklungsphase begann in der Mitte der Neunzigerjahre, als Israel sich in der Vorhut der Informationsrevolution befand – die von der Technik abhängigste Wirtschaft der Welt. Nach dem „dot-com bubble burst“ (?) im Jahr 2000 wurde Israels Wirtschaft vernichtet – es war das schlimmste Jahr seit 1953. Dann kam der 11.9. und plötzlich taten sich neue Gewinnmöglichkeiten für all jene Unternehmen auf, die behaupteten, sie könnten Terroristen in Menschenmengen herausfinden, Grenzen vor Angriffen schützen und Bekenntnisse aus Gefangenen mit eisern verschlossenem Mund herausholen.

Innerhalb von drei Jahren wurden große Teile von Israels technischer Wirtschaft radikal neu ausgerichtet. In Friedmannscher Ausdrucksweise: Israel ging von der Erfindung des Internets der „flachen Welt“ weiter zum Verkauf von Zäunen an den Apartheidplaneten. Viele der erfolgreichsten Unternehmer des Landes nützen den Status Israels als Festungsstaat aus, der von zornigen Feinden umgeben ist, als lebendiges Beispiel – in der Art einer 24-Stunden-Lifeshow – wie man sich relativer Sicherheit mitten in einem Krieg erfreuen kann. Der Grund, dass Israel sich über so ein großes wirtschaftliches Wachstum freuen kann, liegt bei jenen Firmen, die genau dieses Model in die Welt exportieren. Gewöhnlich konzentrieren sich Diskussionen über israelischen Rüstungshandel auf Waffen, auf Caterpillarbulldozer aus den USA, die Häuser in der Westbank zerstören, und auf Teile für die F-16-Bomber von britischen Firmen. Dabei wird Israels großes und expandierendes Exportgeschäft übersehen.

Israel exportiert nun für $1,2 Milliarden „Verteidigungs“-Produkte in die USA, die sich dramatisch um $270 Millionen im Jahr 1999 erhöht haben. 2006 exportierte Israel für $3,4 Milliarden Verteidigungsprodukte – gut über eine Milliarde mehr als es durch US-Hilfe erhalten hat. Das macht Israel zum viertgrößten Waffenhändler in der Welt und hat so Großbritannien überholt. Einen großen Teil dieses Wachstums hat es dem sog. „Heimat-Sicherheits“-Sektor zuzuschreiben. Vor dem 11.9. existierte solch eine Industrie so gut wie gar nicht. Am Ende dieses Jahres wird der israelische Sektor auf diesem Sektor $1,2 Milliarden erreichen – ein Wachstum um 20%. Die wichtigsten Produkte sind die High-tech-Sicherheitszäune, unbemannte Flugkörper, biometrische Identitätskarten, Video- und Audio-Überwachungsapparate, Systeme um Flugpassagiere und Gefangenenverhöre zu kontrollieren – genau all die Apparate und Technologien, die Israel anwendet, um die besetzten Gebiete abzusperren.

Genau das ist es, warum das Chaos des Gazastreifens und in der übrigen Region nicht den Boden Tel Avivs erreicht, ja, tatsächlich dieses Chaos noch fördert. Israel hat gelernt, einen unendlichen Krieg in einen Aktivposten mit Markenzeichen zu verwandeln, in dem es das Entwurzeln, die Besatzung und das In-Schach-halten des palästinensischren Volkes vorantreibt wie einen guten Start in den „globalen Krieg gegen den Terror“.

Es ist kein Zufall, dass die Projekte am Ben Gurion-Flughafen, die Friedman so beeindruckten, Namen haben wie „Innovative Covariance Matrix für punktgenaue Aufdeckung in hyperspektrale Bilder“ und „Algorithmen für Hindernisaufdeckung und Vermeidung“. Dreißig Sicherheitsfirmen sind allein in den letzten sechs Monaten in Israel entstanden – dank großzügiger Regierungsunterstützung, die die israelische Armee und die Universitäten des Landes in Inkubatoren für Sicherheits- und Rüstungsunternehmen verwandelt hat. (Das sollte man bei den Debatten um den akademischen Boykott im Gedächtnis behalten).

In der nächsten Woche wird eine dieser größten Firmen nach Europa reisen, um an der Pariser Flugmesse teil zu nehmen – es ist eine der Modeschau entsprechende Messe der Rüstungsindustrie. Eine der israelischen Firmen stellt sein Suspect Detection System (SDS) vor, einen Science-Fiction- Sicherheitskiosk, der Fluggäste auffordert, eine Reihe vom Computer erzeugte Fragen zu beantworten, die ihrem Ursprungsland angepasst wurden. Währenddessen muss der antwortende Fluggast seine Hand auf einen Sensor legen. Der Apparat nimmt die Reaktionen des Körpers auf die Fragen auf. Bestimmte Antworten werden den Fluggast als „Verdächtigen“ einordnen.

Wie Hunderte andere israelische neugegründete Sicherheitsunternehmen rühmt sich SDS, dass es von Veteranen der israelischen Geheimpolizei gegründet wurde und dass seine Produkte an Palästinensern getestet wurden. Das Unternehmen hat nicht nur die Biofeedback-Terminals an den Westbankkontrollpunkten getestet, es behauptet auch, dass das Konzept auch durch die Erfahrung von Analysen Tausender von Fallstudien bestätigt wurde, die im Zusammenhang mit Selbstmordattentätern in Israel stehen.

Ein anderer Star der Pariser Flugmesse wird der israelische Verteidigungsriese Elbit sein, der seine unbemannten Hermes 450 und 900-Flugmaschienen zu zeigen, plant. Nach Presseberichten im vergangenen Mai verwendete Israel die Drohnen, um im Gazastreifen Bombenanschläge mit gezieltem Töten auszuführen. Wenn sie erst einmal im Gazastreifen getestet wurden, können sie exportiert werden: Die Hermes wurde schon an der Arizona-Mexiko-Grenze verwendet: Cogito 1002-Terminals werden bei einem ungenannten US-Flughafen vorgeführt und Elbit, eines der Unternehmen, das hinter Israels „Sicherheitsbarriere“ steckt, hat sich mit Boeing zusammengetan , um den „virtuellen“ Grenzzaun für $ 2,5 Milliarden rund um die USA zu bauen.

Seitdem Israel mit seiner Politik der Absperrung der besetzten Gebiete mit Kontrollpunkten und Mauern begann , haben Menschenrechtsaktivisten den Gazastreifen und die Westbank mit Freilicht-Gefängnissen verglichen. Bei den Nachforschungen über den explosionsartigen israelischen Sicherheitssektor, einem Thema, das ich ausführlich in meinem nächstens erscheinenden Buch * behandle, entdeckte ich, dass diese Gebiete noch etwas anderes sind: Laboratorien, in denen die schrecklichen Geräte unseres Sicherheitsstaates getestet werden. Die Palästinenser – ob sie nun auf der Westbank leben oder in Hamastan ( wie es israelische Politiker jetzt nennen) sind nicht mehr nur Ziele. Sie sind die Versuchskaninchen.

Friedman hat also recht: Israel hat Öl gefunden. Aber das Öl stammt nicht aus der Phantasie seiner technischen Unternehmer. Das Öl kommt vom Krieg gegen den Terror, einem Zustand ständiger Furcht, die unerschöpfliche globale Apparate fordert, die „Verdächtige“ beobachten, belauschen, kontrollieren und zum Ziel haben. Und Furcht – so stellt sich heraus – ist die beste, erneuerbare Ressource.

Naomi Klein/dt. Übersetzung: Ellen Rohlfs

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Naomi Klein ist Autorin vieler Bücher. Ihr nächstes Buch kommt im September 2007 heraus: *„ The Shock Doktrin: The Rise of Disaster Capitalism“.
Ihre Website: www.nologo.org

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Laboratory for a Fortressed World

Gaza in the hands of Hamas, with masked militants sitting in the president's chair; the West Bank on the edge; Israeli army camps hastily assembled in the Golan Heights; a spy satellite over Iran and Syria; war with Hezbollah a hair trigger away; a scandal-plagued political class facing a total loss of public faith.

At a glance, things aren't going well for Israel. But here's a puzzle: Why, in the midst of such chaos and carnage, is the Israeli economy booming like it's 1999, with a roaring stock market and growth rates nearing China's?

Thomas Friedman recently offered his theory in the New York Times. Israel "nurtures and rewards individual imagination," and so its people are constantly spawning ingenious high-tech start-ups--no matter what messes their politicians are making. After perusing class projects by students in engineering and computer science at Ben Gurion University, Friedman made one of his famous fake-sense pronouncements: Israel "had discovered oil." This oil, apparently, is located in the minds of Israel's "young innovators and venture capitalists," who are too busy making megadeals with Google to be held back by politics.

Here's another theory: Israel's economy isn't booming despite the political chaos that devours the headlines but because of it. This phase of development dates back to the mid-'90s, when Israel was in the vanguard of the information revolution--the most tech-dependent economy in the world. After the dot-com bubble burst in 2000, Israel's economy was devastated, facing its worst year since 1953. Then came 9/11, and suddenly new profit vistas opened up for any company that claimed it could spot terrorists in crowds, seal borders from attack and extract confessions from closed-mouthed prisoners.

Within three years, large parts of Israel's tech economy had been radically repurposed. Put in Friedmanesque terms: Israel went from inventing the networking tools of the "flat world" to selling fences to an apartheid planet. Many of the country's most successful entrepreneurs are using Israel's status as a fortressed state, surrounded by furious enemies, as a kind of twenty-four-hour-a-day showroom--a living example of how to enjoy relative safety amid constant war. And the reason Israel is now enjoying supergrowth is that those companies are busily exporting that model to the world.

Discussions of Israel's military trade usually focus on the flow of weapons into the country--US-made Caterpillar bulldozers used to destroy homes in the West Bank and British companies supplying parts for F-16s. Overlooked is Israel's huge and expanding export business. Israel now sends $1.2 billion in "defense" products to the United States--up dramatically from $270 million in 1999. In 2006 Israel exported $3.4 billion in defense products--well over a billion more than it received in US military aid. That makes Israel the fourth-largest arms dealer in the world, overtaking Britain.

Much of this growth has been in the so-called "homeland security" sector. Before 9/11 homeland security barely existed as an industry. By the end of this year, Israeli exports in the sector will reach $1.2 billion--an increase of 20 percent. The key products and services are high-tech fences, unmanned drones, biometric IDs, video and audio surveillance gear, air passenger profiling and prisoner interrogation systems--precisely the tools and technologies Israel has used to lock in the occupied territories.

And that is why the chaos in Gaza and the rest of the region doesn't threaten the bottom line in Tel Aviv, and may actually boost it. Israel has learned to turn endless war into a brand asset, pitching its uprooting, occupation and containment of the Palestinian people as a half-century head start in the "global war on terror."

It's no coincidence that the class projects at Ben Gurion that so impressed Friedman have names like "Innovative Covariance Matrix for Point Target Detection in Hyperspectral Images" and "Algorithms for Obstacle Detection and Avoidance." Thirty homeland security companies were launched in Israel in the past six months alone, thanks in large part to lavish government subsidies that have transformed the Israeli army and the country's universities into incubators for security and weapons start-ups (something to keep in mind in the debates about the academic boycott).

Next week, the most established of these companies will travel to Europe for the Paris Air Show, the arms industry's equivalent of Fashion Week. One of the Israeli companies exhibiting is Suspect Detection Systems (SDS), which will be showcasing its Cogito1002, a white, sci-fi-looking security kiosk that asks air travelers to answer a series of computer-generated questions, tailored to their country of origin, while they hold their hand on a "biofeedback" sensor. The device reads the body's reactions to the questions, and certain responses flag the passenger as "suspect."

Like hundreds of other Israeli security start-ups, SDS boasts that it was founded by veterans of Israel's secret police and that its products were road-tested on Palestinians. Not only has the company tried out the biofeedback terminals at a West Bank checkpoint; it claims the "concept is supported and enhanced by knowledge acquired and assimilated from the analysis of thousands of case studies related to suicide bombers in Israel."

Another star of the Paris Air Show will be Israeli defense giant Elbit, which plans to showcase its Hermes 450 and 900 unmanned air vehicles. As recently as May, according to press reports, Israel used the drones on bombing missions in Gaza. Once tested in the territories, they are exported abroad: The Hermes has already been used at the Arizona-Mexico border; Cogito1002 terminals are being auditioned at an unnamed US airport; and Elbit, one of the companies behind Israel's "security barrier," has partnered with Boeing to construct the Department of Homeland Security's $2.5 billion "virtual" border fence around the United States.

Since Israel began its policy of sealing off the occupied territories with checkpoints and walls, human rights activists have often compared Gaza and the West Bank to open-air prisons. But in researching the explosion of Israel's homeland security sector, a topic I explore in greater detail in a forthcoming book (The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism), it strikes me that they are something else too: laboratories where the terrifying tools of our security states are being field-tested. Palestinians--whether living in the West Bank or what the Israeli politicians are already calling "Hamasistan"--are no longer just targets. They are guinea pigs.

So in a way Friedman is right: Israel has struck oil. But the oil isn't the imagination of its techie entrepreneurs. The oil is the war on terror, the state of constant fear that creates a bottomless global demand for devices that watch, listen, contain and target "suspects." And fear, it turns out, is the ultimate renewable resource.


Quelle: The Nation
02. Juli 2007
24.07.2007
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