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Hüllen ohne Inhalt
Jörg Bremer in der F.A.Z.
Die brennenden Synagogen im Gazastreifen erregen in Israel nur die Orthodoxen

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Jörg Bremer berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Situationim Gaza-Streifen nach dem israelischen Abzug.

"Es herrschte eine Mischung aus Triumph und Rechtlosigkeit"

Der palästinensische Präsident Abbas sagt, die Nation habe das Recht zu feiern. Er selbst hisste am Dienstag die Flagge an der ägyptischen Grenze in Rafah. Sein Premier Qurei besuchte die frühere jüdische Siedlung Neveh Dekalim, wo am Vortag wie in Netzarim, Morag und Kfar Darom die Synagogen brannten. Vier der 19 geräumten Gebetshäuser brannten aus. Nur Betonmauern blieben zurück. Einerseits wollen Abbas und Qurei die Freude über Israels Abzug nach 38 Jahren Besatzung mit den Menschen teilen. Zugleich aber sollen ihre Auftritte die Nation beruhigen.
Die Familie von Mohammad Baschir zum Beispiel konnte über Jahrzehnte nicht einmal in ihrem Hause frei leben. Das israelische Militär drohte mit Abriss; denn der Bau liegt auf der Grenze zu Kfar Darom. Während der jüngsten Intifada richtete sich das Militär auf dem Dach ein, später auch in der Etage darunter. Vor etwa 18 Monaten schoss ein Soldat aus einem der Fenster auf Mohammads damals 15 Jahre alten Sohn Yussuf, als der UN-Besucher zu ihrem Wagen begleitet. Der Junge wurde schwer verletzt. Erstmals seit Jahren können Mohammads Kinder in den Garten und darüber hinaus. "Ich konnte sie nicht aufhalten," sagt der Vater.
Es herrschte eine Mischung aus Triumph und Rechtlosigkeit. Die Freiheitsfreude überrollt die noch machtlose palästinensische Polizei, die es allerdings in den vergangenen Wochen noch schaffte, die Siedler vor einem "Abzug unter Feuer" zu bewahren. In Neve Dekalim krönte Hamas-Führer Zahar am Montag seine Siegestour mit einem Gebet. Er ließ sich dabei vor der früheren Synagoge ablichten. Für viele Palästinenser seien gerade Synagogen ein Symbol für die Besatzung; denn Israel habe Besitzrechte an Gaza religiös begründet, heißt es. Außerdem träten gerade nationalreligiöse Juden herrschaftsversessen auf. Sie hätten den Islam als niederrangig verachtet.

Diskussion in der Knesset

Derweilen zerriss der nationalistische Abgeordnete Ariel in der Knesset sein Hemd und zeigte so seine Trauer über die brennenden Synagogen. Vor Monaten noch hatte die israelische Regierung beschlossen, die Gebetshäuser zu schleifen. Es gab auch Pläne, zumindest Teile von ihnen abzubauen. Dann gingen Siedler und Rabbiner vor das Oberste Gericht und setzten dort durch, dass die Armee diese Gebäude nicht zerstören dürfe. Während Tora-Rollen und Toraschreine, die Mesusot an den Türposten mit ihrer Gotteshuldigung und alle Möbel umzogen, blieben die Mauern zurück. Ministerpräsident Scharon wollte keinen Streit mit seiner Partei und forderte die palästinensische Autonomiebehörde auf, die Hüllen zu schützen, was diese aber ablehnte. Während einige Muslime noch versuchten, die Synagogen in Moscheen umzuwidmen, brannten vier von ihnen schon.
Die Mehrheit der Israelis lässt das ungerührt: Synagogen ohne Toraschrein seien keine Gebetshäuser. Israel selber habe in seiner Geschichte einige Dutzend Moscheen zerstört. In New York hätten jüdische Gemeinden ihre Synagogen an Geschäfte verkauft. Andere erinnern daran, wie die Siedler ihre Gebetshäuser selbst entweihten und zu Festungen ausbauten. Inoffiziell heißt es in Scharons Amt, die Feuer seien erwartet gewesen. Sie könnten als Geburtswehen auf dem Weg zur Machtübernahme der Autonomiebehörde gelten.
Israels Polizei ist in Alarmbereitschaft, um Moscheen in Israel vor der Rache von Juden zu bewahren. In der Knesset forderten ultraorthodoxe Abgeordnete muslimisch-arabische Knesset-Mitglieder auf, die "barbarischen Akte" zu verurteilen. Darauf kam als Antwort: "Eurer Problem ist doch, dass ihr die Palästinenser auffordert, jüdischer zu sein als die Juden", die wie Scharon die leeren Hüllen selber zerstören wollten.


Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
14.09.2005
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