Sie befinden sich hier

Inhalt

al-nakba - die "Katastrophe" von 1948

Hunderttausende Palästinenser werden aus ihrer Heimat vertrieben.

Dem UN-Teilungsbeschluss folgten schon Anfang Dezember die ersten Angriffe und Terrorakte der Haganah auf palästinensische Dörfer und Zivilisten (Plan Gimmel). Das Land wurde zunehmend in militärische Auseinandersetzungen verstrickt, denen nach der Ausrufung des Staates Israel am 15. Mai 1948 die arabischen Staaten beitraten. Der erste arabisch-israelische Krieg endete mit einem Sieg der Israelischen Streitkräfte (IDF) über die Arabische Befreiungsarmee; 513 palästinensische Dörfer wurden von der israelischen Armee zerstört und über 700.000 Palästinenser vertrieben.

Die Niederschlagung des übermächtigen arabischen Feindes grenzte nach israelischer Darstellung an ein Wunder. Tatsächlich beruhte der Sieg Israels jedoch auf der faktischenÜberlegenheit von Haganah und IDF: In der Anfangsphase der Auseinandersetzungen, und noch vor dem Kriegseintritt der arabischen Staaten, stand der gut organisierten und militärisch erfahrenen jüdischen Untergrundorganisation eine palästinensische Gesellschaft gegenüber, der die zentrale politische und militärische Führung fehlte. Nach Kriegsausbruch kämpfte die IDF gegen die schlechter ausgerüstete, auf fremden Terrain taktisch unterlegene Arabische Befreiungsarmee, die keiner zentralen Befehlsgewalt unterstand.

Systematische Vertreibung
Hunderttausende Palästinenser werden von israelischen Terroreinheiten vertrieben.

Für die Palästinenser wurde der erste arabisch-israelische Krieg zur nakba ("Katastrophe"). Er markierte nicht nur den Verlust ihrer Heimat und den Beginn ihres Flüchtlingsschicksals, sondern auch den Zusammenbruch der palästinensischen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und die Niederlage der Nationalbewegung.
Sie wurden Opfer einer systematischen Vertreibungspolitik, die ihren Anfang im April 1948 - also noch vor dem Eingreifen der arabischen Staaten in das Kriegsgeschehen - nahm. In diesen Zeitraum fiel der Beginn der Umsetzung des Plan Dalet, der die "Säuberung" des von den UN zugesprochenen jüdischen Territoriums, der Grenzgebiete und der Kommunikationslinien zwischen jüdischen Bevölkerungsgebieten von "feindlichen und potenziell feindlichen Kräften" zum Ziel hatte. Der Plan Dalet sah die Zerstörung von Dörfern und Bevölkerungszentren, die auf Dauer als schwer kontrollierbar eingeschätzt wurden, vor. Dies sollte durch Einkreisung und Durchkämmung des Dorfes, der Niederschlagung eventuell anzutreffenden Widerstandes und der Vertreibung der Bevölkerung außerhalb der Landesgrenzen geschehen.

Innerhalb weniger Wochen fielen nun die meisten arabischen Städte Galiläas - Tiberias (17. April), Haifa (22. April), Safad (11. Mai) und Akko (14. Mai). Nicht selten wurde dies von gewaltsamenÜbergriffen auf Bewohner naheliegender Dörfer, so z.B. Khirbet Nasr ad-Din und Ein az-Zeitun, eingeleitet und meist folgte nach der Einnahme einer größeren Ortschaft eine panikartige Flucht der Einwohner aus den umliegenden Dörfern. Insbesondere nach dem Massaker an Zivilisten in Deir Jassin (9. April 1948) - durchgeführt von Menachem Begins Irgun und Yitzhak Schamirs Lechi (Stern-Gruppe) sowie unter Mitwirkung der Haganah - flohen viele Menschen aus Angst vor ähnlichen Gräueltaten.

Bis zum Datum der israelischen Unabhängigkeitserklärung am 15. Mai 1948 eroberten jüdische Einheiten 21 Prozent des von den Vereinten Nationen den Palästinensern zugesprochenen Staatsgebietes. Der gesamte Küstenstreifen zwischen Tel Aviv und Haifa, einschließlich der Hafenstadt Jaffa, die am 12. Mai besetzt wurde, befand sich in jüdischer Hand. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten 391.000 Palästinenser ihre Heimat verlassen und waren auf der Flucht. Der Kriegseintritt der arabischen Staaten markierte eine neue Phase. Auf israelischer Seite war eine zunehmende Tendenz zur Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung zu erkennen, die schließlich im Herbst 1948 eskalierte. Kennzeichnend dafür war die Vertreibung der Einwohner Lyddas und Ramlas am 12. Juli 1948, die unter dem Befehl von Yigael Allon im Rahmen der Operation Dani vorgenommen wurde. Angebliche Heckenschützen und eine Konfrontation mit jordanischen Panzern dienten der israelischen Armee als Vorwand, 250 Zivilisten und zum Teil entwaffnete Gefangene zu töten. Wenig später wurden 70.000 Menschen - rund ein Zehntel der gesamten Flüchtlinge zwischen 1947 und 1949 vertrieben, bei der abermals 350 Menschen ihr Leben verloren. Es kam zu Plünderungen und standrechtlichen Exekutionen. Ähnliche Vorfälle ereigneten sich im Oktober 1948 im Norden des Negev im Zuge der Operation Yoav und einen Monat später im Zentrum sowie im Norden Galiläas. Nur wenige Orte, meist mit drusischer oder christlicher Bevölkerung, wurden von der Vertreibung verschont. Nun, da der Sieg als gesichert gelten konnte, nahmen weitere Gräueltaten und Massaker, wie in den Orten Safsaf, Sasa, Eilabun, Dawayma und Jisch, zu.

Kinder, Frauen, Alte und Männer flüchten vor der israelischen Gewalt 1948.

Ein wichtiger Aspekt dieser Vertreibungspolitik stellte das Verbot der Rückkehr dar. Schon Anfang Mai 1948 erhielten jüdische Bauern die Anweisung, das von Palästinensern verlassene Land zu übernehmen. Im Juni fällte die politische Führung die Entscheidung, den Flüchtlingen eine Rückkehr in ihre Dörfer mit Gewalt zu versagen, sie am Abernten ihrer Felder zu hindern und die Ernte zu verbrennen, falls Israelis nicht dazu in der Lage waren, sie einzuholen. Klares Ziel der israelischen Politik war es nun, die Rückkehr der Palästinenser in ihre Heimat "um jeden Preis" zu verhindern, wie Ben Gurion es ausdrückte. Palästinensische Dörfer wurden zerstört oder mit jüdischen Immigranten besiedelt, die Böden unter den umliegenden Kibbuzim aufgeteilt. Eine wichtige Rolle bei diesen Maßnahmen spielte Josef Weitz, der damalige Direktor der Abteilung für Bodenfragen des Jüdischen Nationalfonds. Weitz, ein überzeugter Zionist, der in Palästina keinen Platz für zwei Völker sah, trat ebenso wie viele Anhänger der zionistischen Bewegung für die Deportation der arabischen Bevölkerung Palästinas in die benachbarten Staaten ein. Schon früh hatten zionistische Aktivisten erkannt, dass das von Israel Zangwill propagierte Motto "ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" nicht der Wahrheit entsprach, da Palästina einer der dichtbesiedeltsten Räume des Nahen Ostens war und so der Traum eines homogenen jüdischen Staates nur schwer verwirklicht werden konnte. Seit den 1930er Jahren diskutierte man deswegen in zionistischen Kreisen die Idee des "Transfers". Angesichts der Kriegswirren und der allgemeinen Anarchie, sah Weitz den Zeitpunkt gekommen, diese Idee in die Tat umzusetzen und "so viele Araber wie möglich" zu vertreiben, hatte Ben Gurion doch schon Jahre zuvor erklärt, dass er in der "zwangsweisen Aussiedlung (...) nichts Unmoralisches" sehe.

Israel ignoriert UN-Resolutionen

Zwischen Februar und Juli 1949 kam es schließlich zu Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen Israel und Ägypten, Libanon, Jordanien und Syrien. Weit über 700.000 Palästinenser fanden sich zerstreut in den Flüchtlingslagern des Libanons, Syriens, Jordaniens, der Westbank und des Gaza-Streifens. Alle Versuche von arabischer Seite, zu einer Lösung des Flüchtlingsproblems und friedlichen Regelung auf Grundlage der Resolution 181 zu gelangen, wurden von den Israelis auf der Konferenz von Lausanne (1949) zurückgewiesen. Auch die Vereinten Nationen drängten in einer Resolution auf die Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat (Resolution 194), doch Israel ignorierte diese wie unzählige folgende Resolutionen, erließ 1950 ein Gesetz über den "Besitz Abwesender", das die Enteignung und Konfiszierung von palästinensischem Grundbesitz legalisierte und verfügte noch im selben Jahr, dass jeder auf der Welt lebende Jude ein Anrecht auf Rückkehr nach Israel und die Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft besitze. Die 151.000 in Israel verbliebenen Palästinenser wurden bis 1966 unter eine Militärgesetzgebung gestellt, die u.a. ihre Meinungs-, Presse- und Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte. Jordanien stellte die Westbank unter seine Herrschaft und annektierte schließlich 1951 das Gebiet, während der Gaza-Streifen unter ägyptische Verwaltung geriet.

Nach oben

Kontextspalte

Im Flüchtlingslager gestrandet.
Heimat verloren.
Als Flüchtling geboren.