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Besatzung und Widerstand nach 1967

Erneut müssen Palästinenser vor der Gewalt israelischer Soldaten flüchten.

Am Morgen des 5. Juni 1967 zerstörte Israel in einem schon seit längerem geplantenÜberraschungsangriff nahezu die gesamte ägyptische Luftwaffe. Innerhalb von sechs Tagen eroberte die israelische Armee die Golanhöhen, den Gaza-Streifen, die Westbank, Ost-Jerusalem sowie den Sinai und besetzte diese Gebiete völkerrechtswidrig. Die arabischen Staaten waren auf den Angriff nicht vorbereitet und waren Israel, das mittlerweile über die bestausgerüsteten Truppen verfügte, in Waffentechnik und Truppenstärke weit unterlegen. Die Präventivschlagtheorie, die die wissenschaftlichen Publikationen und Medien im Westen bis heute beherrschen, widerlegen alle hohen israelischen Militärs mittlerweile selbst. So erklärte General Matti Peled, dass die Theorie der "tödlichen Lage" "primär eine Beleidigung der israelischen Armee" sei und Wohnungsbauminister Mordechai Bentov: "Die ganze Geschichte der Gefahr einer Zerstörung wurde in jedem Detail im Nachhinein erfunden und übertrieben, um die Annexion arabischen Landes zu rechtfertigen."

Al-Nasqa
Kind im Flüchtlingslager, 1967.

Der Juni-Krieg für die Palästinenser die naqsa ("Schlag") - veränderte die Landkarte des Nahen Ostens grundlegend und stellte den Wendepunkt in der Geschichte des palästinensischen Nationalismus dar. Abermals wurden palästinensische Dörfer zerstört, viele Palästinenser mussten nun schon zum zweiten Mal fliehen:Über 300.000 Menschen wurden von der israelischen Armee vertrieben. Damit wuchs die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge auf 1.4 Millionen an. Im Gaza-Streifen, der Westbank und Ost-Jerusalem, das 1980 entgegen jedes internationale Recht annektiert wurde, gelangten mehr als eine Million Palästinenser unter israelische Militärherrschaft. Zwar forderte die UN am 22. November 1967 Israel zum völligen Rückzug aus den besetzen Gebieten und zu einer Regelung des Flüchtlingsproblems auf (Resolution 242), doch die israelische Regierung unter Levi Eschkol (Arbeiterpartei) ignorierte die Forderung der Weltgemeinschaft, denn sie verfolgte mit den besetzten Gebieten andere Ziele.

Israel festigt seine Besatzung

Angesichts der wachsenden Wirtschaftskrise in Israel sah man nun die Möglichkeit gekommen, die Palästinenser systematisch in eine ökonomische Abhängigkeit zu zwingen und wirtschaftlich auszubeuten.

Politisch betrachtet sollten die besetzten Gebiete als Faustpfand für direkte Verhandlungen mit den arabischen Staaten dienen: "Land für Frieden" lautete die Devise, eine Formel, die während der Regierungszeit Netanyahus von Israel selbst ad absurdum geführt wurde. Daneben, so die israelische Regierung, müsse die Besetzung aufgrund sicherheitspolitischer Erwägungen aufrechterhalten werden. Schließlich griff schon die Arbeiterregierung auf die Argumentation zurück, die Gebiete, insbesondere die Westbank - im israelischen Sprachgebrauch nur "Judäa und Samaria" genannt - seien "von Gott versprochenes Land". Die religiöse Ideologisierung der Besatzung nahm im Laufe der Jahre immer mehr zu und ist heute zu einem der größten Hindernisse auf dem Weg zu einer friedlichen Aussöhnung zwischen Israel und Palästina geworden.

Neben der schnell einsetzenden wirtschaftlichen Ausbeutung der Bewohner von Westbank und Gaza, trieb die Besatzungsmacht mithilfe militärischer Verordnungen die Enteignung palästinensischen Landbesitzes voran. Früh wurden Konzepte für die planmäßige Besiedlung der Westbank und des Gaza-Streifens erstellt (Allon- und Sharon-Plan). Entgegen internationalen Konventionen, die eine Besiedlung von im Krieg besetztem Land durch die Besatzungsmacht strikt verbieten, ließen sich Tausende, oft religiös motivierte jüdische Kolonialisten in den neu errichteten Kolonien nieder. Darüber hinaus erlangte Israel Kontrolle über infrastrukturelle Maßnahmen (Elektrizität, Abwasser, Straßen) und die Wasservorkommen. All diese Maßnahmen waren und sind auf die Festschreibung und "Normalisierung" der Besatzung und die Schaffung vollendeter Tatsachen gerichtet, denn "ein Rückzug aus den besetzten Gebieten zu den Grenzen von vor Juni 1967" kam für den damaligen Verteidigungsminister Sharon "unter keinen Bedingungen" infrage.

Den Palästinensern im Gaza-Streifen und in der Westbank wurden alle politischen und kulturellen Rechte verweigert. Die Menschenrechtsverletzungen der israelischen Besatzungsmacht häuften sich: Deportationen, Hausarreste, willkürliche Verhaftungen und Folter sollten politische Aktivistin mundtot machen, Kollektivstrafen wie Ausgangssperren und Häusersprengungen die Gesamtbevölkerung treffen. Diese Unterdrückungsmethoden hatten jedoch nur den Erfolg, dass das Nationalbewusstsein der Palästinenser in den besetzten Gebieten gestärkt wurde und sich eine spezifisch palästinensische Identität ausbildete. Man distanzierte sich vom panarabischen Nationalismus und knüpfte enge Kontakte zu den palästinensischen Widerstandsbewegungen in der Diaspora.

Mit Gewalt und Schikanen unterdrückt die israelische Besatzungsmacht das palästinensische Volk.
Wandel der palästinensischen Gesellschaft

Die Schlacht von Karama im März 1968, in der 300 Kämpfer der Fatah dem Angriff von 15.000 israelischen Soldaten, unterstützt von Panzereinheiten, Fallschirmspringern und Hubschraubern, standhielten, wurde zum politischen und militärischen Wendepunkt des palästinensischen Widerstandes. Der Mythos der israelischen Unbesiegbarkeit war zerstört, das Ansehen und Sympathie für die Feddayyin stieg beträchtlich: Sie wurden zu Helden des palästinensischen Volkes. Die Palästinenser in den Lagern erwachten endgültig aus ihrer Lethargie und traten zu Tausenden der Fatah bei. Unterschiedliche Komitees wurden gegründet und in den Flüchtlingslagern entstanden soziale sowie politische Strukturen. Innerhalb der PLO vollzog sich ein Machtwechsel. Nun wurden die Widerstandsbewegungen - neben Fatah, der stärksten Fraktion, die aus dem BdAN hervorgegangene "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP, Georg Habash), die von ihr abgespaltene "Demokratische Front" (DPFLP, Naif Hawatmeh), Saiqa (syrisch) und die Arabische Befreiungsfront (irakisch) innerhalb der PLO tonangebend.

Im Juli 1968 beschloss der palästinensische Nationalrat die Änderung der PLO-Charta und die Aufnahme des bewaffneten Kampfes bis zur Befreiung Gesamtpalästinas. Rund ein Jahr später, im Februar 1969, wurde Yassir Arafat zum Vorsitzenden des Nationalrates und des Exekutivkomitees gewählt. Mit dem Wandel der PLO zu einer revolutionären, ausschließlich die palästinensischen Interessen verfolgenden Befreiungsorganisation, gewann das palästinensische Volk nicht nur seine Stimme, seinen Mut und seine Würde zurück, sondern auch eine nationale Identität.

Der "Schwarze September", während dessen Tausende palästinensische Flüchtlinge in jordanischen Lagern von der Armee des Haschemitischen Königreiches ermordet wurden (September 1970), stellte einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Befreiungsorganisation dar. Die PLO wurde gezwungen, ihre Basis in Jordanien zu verlassen und ging nach Beirut. Hier gelang ihr der Ausbau ihrer Machtbasis und die Erlangung internationaler Anerkennung durch die UN (November 1974). Diese betonte in der Resolution 3236 das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung und nationale Unabhängigkeit und räumte der PLO Beobachterstatus ein (Resolution 3237). Einen Monat zuvor hatte die Arabische Liga auf ihrer Konferenz von Rabbat die PLO als einzige legitime Vertreterin des palästinensischen Volkes anerkannt. Seit diesem Zeitpunkt verfolgte die PLO zur Erreichung ihres Zieles verstärkt politische und diplomatische Strategien, wenn auch dem bewaffneten Kampf erst mit Beginn des Friedensprozesses eine Absage erteilt wurde.

Wenige Jahre nach dem Oktoberkrieg im Jahre 1973 kam es mit der Unterzeichnung des Camp-David-Abkommens zu einem Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel (1978). Dieses Abkommen, das unter dem Ausschluss der PLO zustande gekommen war, sah auch eine beschränkte (kulturelle) Autonomie für die Palästinenser in den besetzten Gebieten vor. Umgesetzt wurde diese jedoch nie. Im Gegenteil, Israel nutzte die vereinbarten Übergangsphasen zur verstärkten Landenteignung und zum Bau der Kolonien.

Bis 1977 waren 95 Kolonien mit 10.000 Kolonialisten in der Westbank und dem Gaza-Streifen sowie 45.000 Kolonialisten in Ost-Jerusalem entstanden. Im Jahr 1984 hatte sich ihre Zahl nahezu verdreifacht: 129.000 Kolonialisten lebten nun in den besetzten Gebieten, häufig in unmittelbarer Nachbarschaft mit palästinensischen Siedlungsgebieten oder gar im Stadtkern (Ost-Jerusalem, Hebron); 52 Prozent des Bodens in der Westbank, 30 Prozent in Ost-Jerusalem und über 30 Prozent im Gaza Streifen wurden enteignet.

Im Jahr 1982 traf die israelische Regierung die folgenschwere Entscheidung, in den vom Bürgerkrieg geschwächten Libanon einzumarschieren, um die PLO zu zerschlagen. Es sollte der längste und verlustreichste Einsatz der israelischen Armee werden, der die israelische Gesellschaft angesichts der eigenen, als unnötig empfundene Verluste und der unter der Mitwirkung der IDF verübten Massaker an palästinensischen Zivilisten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, tief spaltete. Nach langer Belagerung Beiruts musste die PLO zwar schließlich aufgeben, den Libanon verlassen und ihr Hauptquartier in Tunis aufschlagen, doch ihre Macht war nicht gebrochen. Israel hatte sein Ziel, die völlige Zerschlagung der Befreiungsorganisation, nicht erreicht. Diese konzentrierte sich nun auf den Aufbau politischer und sozialer Strukturen in den besetzten Gebieten. Jugend- und Frauenorganisationen wurden gebildet, Gewerkschaften und medizinische sowie landwirtschaftliche Komitees gegründet, Formen des zivilen Ungehorsams - Streiks, Massendemonstrationen und politische Agitation - nahmen zu. Die besetzten Gebiete wurden zum Zentrum des Befreiungskampfes der PLO.

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Kindheit unter Besatzung.