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Reden
Kanzelrede in der Kreuzkirche Bonn Als Palästinenser, dessen Heimat das Heilige Land ist, und als Moslem möchte ich die Gelegenheit nutzen, eine Brücke zu schlagen. Eine Brücke zu schlagen zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Und zwischen der Botschaft Jesu Christi und der Bedeutung seiner Worte für die heutige Zeit.
Sehr geehrter Herr Dr. von Dobbeler,
Sehr geehrter Herr Schäfer,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Als Palästinenser, dessen Heimat das Heilige Land ist, und als Moslem möchte ich die Gelegenheit nutzen, eine Brücke zu schlagen. Eine Brücke zu schlagen zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Und zwischen der Botschaft Jesu Christi und der Bedeutung seiner Worte für die heutige Zeit.
Bei der Vorbereitung für diese Rede habe ich in der Bibel geblättert und sehr lange überlegt, mit welchem biblischen Text ich meine Einleitung gestalten kann. Es ist mir nicht leicht gefallen. Mir hat sich die Frage gestellt: mit welchem Text, mit welchem Gleichnis kann ich Sie auf das Schicksal des palästinensischen Volkes aufmerksam machen. Dann habe ich mich für das Gleichnis vom Sämann aus Markus 4 Vers 3 bis 9 entschieden. Das Gleichnis beginnt:
Hört!
Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.
Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie.
Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und es ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war. Als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
Wieder ein Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat und sie brachte keine Frucht.
Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden Land und brachte Frucht. Die Saat ging auf und wuchs empor und trug dreißigfach, ja sechzigfach und hundertfach. Und trug dreißigfältig und sechzigfältig und hundertfältig.
Und Jesus sprach: Wer Ohren hat, zu hören, der höre!
Liebe Gemeinde!
Das Gleichnis vom Sämann beschreibt sehr eindrucksvoll das Bemühen eines Mannes, die Saat auszusäen und den Boden fruchtbar zu machen. Und genau wie der Sämann ist auch Jesus einst ausgezogen, um die Saat der Liebe zu säen. Und genau wie in dem Gleichnis, hatte auch Jesus nicht immer Erfolg mit seinen Bemühungen. Viele Rückschläge mußte er hinnehmen, viele Widerstände waren zu überwinden. Aber Jesus hat nicht aufgegeben. Er hat an sich und seine Botschaft geglaubt. Er hat viele Mißerfolge hingenommen, aber er hat nie aufgehört, an das Gute im Menschen zu glauben. Seine Stärke und seine Kraft fand er im tiefen Glauben an Gott.
Liebe Gemeinde,
vor 2000 Jahren wurde Jesus in Palästina, im heiligen Land, geboren. Von hier aus hat er seine Friedensbotschaft verkündet. Diese Botschaft wurde von vielen Menschen gehört, die alle an den Frieden glaubten.
Leider jedoch hat der Frieden im Heiligen Land bis jetzt noch keine Wurzeln schlagen können. Hier leben zwei Völker, die Anspruch auf ein kleines Land erheben. Das bringt Konflikte mit sich. Denn beide Völker, Israelis und Palästinenser, haben ihre eigene Begründung für diesen Anspruch. So glaubten die Juden, Gott habe ihnen das Land versprochen, und die Palästinenser nehmen das Recht in Anspruch, dass sie bereits seit Tausenden von Jahren hier gelebt haben.
So standen sich beide Völker, damals die Philister und Hebräer, heute die Israelis und Palästinenser, unversöhnlich gegenüber. Beide Völker haben sich als Feinde betrachtet, sich gegenseitig unendliches Leid zugefügt. Bis sich endlich 1993 zwei mutige Männer, der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin und der palästinensische Präsident Yassir Arafat, die Hand reichten und den Schritt zur Versöhnung wagten. Beide Männer hatten das gleiche Ziel. Sie wollten einen gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten schaffen. Die uralte Hoffnung der Menschen – seien es Christen, Muslime oder Juden – sollte endlich in Erfüllung gehen.
In Geheimgesprächen in Oslo strebten beide Seiten einen Kompromiß an. Sie einigten sich auf eine Prinzipienerklärung für eine fünfjährige Übergangsphase mit palästinensischer Selbstverwaltung. Dies war von historischer Bedeutung und zugleich der erste Schritt in Richtung eines Friedens.
Und somit wurde dieses Dokument am 13. September 1993 in Washington vor den Augen der Weltöffentlichkeit unterzeichnet. Damit war die gegenseitige Anerkennung von der PLO und Israel vollzogen, der Frieden in greifbare Nähe gerückt.
Mit diesem Abkommen wollten sowohl Arafat als auch Rabin dem Leid von beiden Völkern ein Ende setzen und die Samen des Friedens säen. Beide waren bereit, die jahrzehnte währende Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern zu überwinden und Misstrauen gegen Verständnis, Krieg gegen Frieden einzutauschen.
Liebe Gemeinde,
ich bewundere diese Männer, ich bewundere deren Mut. Ich glaube jedoch, beide haben das Gleichnis vom Sämann nicht gelesen. Beiden Männern war nicht bewußt, daß nicht jedes Saatkorn, das gesät wird, aufgehen kann. Sie haben nicht mit einem Misserfolg gerechnet, sie haben die Gegner des Friedens unterschätzt.
So haben nach dem Osloer Abkommen radikale Palästinenser wiederholt Anschläge auf israelische Zivilisten verübt. Es gab viele Tote und Verletzte. Umgekehrt hat ein fanatischer israelischer Siedler viele betende Palästinenser in einer Moschee erschossen. Die Spirale der Gewalt gipfelte in dem grausamen Attentat auf Yitzhak Rabin im November 1995. Er wurde von einem radikalen Juden ermordet.
Sein Nachfolger, Benjamin Netanjahu, fühlte sich dem Frieden nicht verpflichtet. Er war nicht bereit, die Palästinenser als gleichwertige Partner zu akzeptieren. Er wollte die Saat des Friedens nicht säen. Somit brachte er den Friedensprozeß vollkommen zum Erliegen. Das zarte Pflänzchen der Hoffnung wurd mit Füßen getreten und liegt nun am Boden.
Aber genau wie Jesus nicht aufhörte, seine Botschaft zu verkünden, werden auch wir nicht aufhören, an den Frieden zu glauben. Denn ein Teil der Botschaft ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Diesen Boden müssen wir bestellen. Jede Pflanze müssen wir hegen und pflegen. Wir müssen uns dem Frieden verpflichtet fühlen und ihn in die Herzen der Menschen hineintragen. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, sondern wir müssen weiterhin den Glauben an Gerechtigkeit und Versöhnung aufrechterhalten.
Und hier liegt unsere ganze Hoffnung auf dem jetzigen israelischen Premier Ehud Barak. Wir hoffen, daß er den Mut hat, mit uns gemeinsam die Saat des Friedens zu verbreiten. Wir hoffen, daß er sich den Osloer Verträgen verpflichtet fühlt, so daß wir als gleichberechtigte Partner an einem gerechten und dauerhaften Frieden arbeiten können.
Denn heute geht es nicht mehr darum, welches Volk zuerst oder zuletzt im heiligen Land war. Es geht nicht mehr darum, welches Volk am meisten gelitten hat. Heute geht es um die Umsetzung international anerkannter Verträge und die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft.
Es geht darum, dass wir für alle wichtigen Probleme, die in den Osloer Verträgen ausgeklammert wurden, eine gemeinsame Lösung finden. So ist die Frage der jüdischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten immer noch ungeklärt.
Auch die Frage Jerusalems ist weiterhin offen.
Ferner haben wir die Frage noch nicht beantwortet, was mit den palästinensischen Flüchtlingen von 1948 wird. Auch hier muß eine Lösung gefunden werden.
Außerdem ist und bleibt das Problem der Wasserversorgung. Wasser ist in unserer Region sehr kostbar. Es muß für eine gerechte Aufteilung gesorgt werden.
Sie sehen, meine Damen und Herren, es gibt viele Probleme, die gelöst werden müssen. Dies können wir nur gemeinsam tun. Denn zum Frieden gibt es keine Alternative. Geben wir also den Friedensgegnern keine Chance. Setzen wir uns für den Frieden ein und sichern wir damit die Zukunft unserer Kinder.
Gegenseitige Anerkennung und gegenseitiger Respekt sind das Bindeglied zwischen unseren Völkern. Voraussetzung hierfür ist die Ausrufung eines eigenständigen und unabhängigen Staates Palästina mit den gleichen Rechten und Pflichten wie der Staat Israel.
Liebe Gemeinde!
Mit den Osloer Verträgen aus dem Jahr 1993 haben wir die ersten Samen des Friedens gesät. Genau wie in dem Gleichnis, ist unsere Saat nicht vollständig aufgegangen. Einige wenige, zarte Pflänzchen sind herangereift. Nutzen wir, Palästinenser und Israelis, die Chance, diese Pflanzen zu hegen und zu pflegen, damit sie tiefe und feste Wurzeln bekommen. Bestellen wir das Land gemeinsam und säen wir weiter die Saat des Friedens.
Beten Sie für unseren Erfolg und unterstützen Sie uns in unseren Bemühungen. Wir brauchen Ihre und auch Gottes Hilfe.