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Israel schafft sich seine Feinde

Hael Al-Fahoum fordert in einem Gespräch mit Dr. Alexander Schacht von der "Hannoversche Allgemeine Zeitung" vermehrten Druck auf die israelische Regierung.

Sie sind soeben aus Ihrer Heimat nach Berlin zurückgekehrt. Wie ist die Lage im Gazastreifen?

Da haben wir mehr als 700 Tote zu beklagen, 30 Prozent davon Kinder unter fünf Jahren. Da müssen mehr als 3000 Verwundete versorgt werden, davon viele schwer verletzt. Dabei gibt es nur 2500 Krankenhausbetten, deshalb werden jetzt Schulen zu Hospitälern und Küchen zu Operationssälen umfunktioniert. Also: Israel hat dort eine humanitäre Katastrophe angerichtet, die das jüngste Gerede von einem “humanitären Korridor³ als zynisch erscheinen lässt.

Aber vorausgegangen sind doch, seit Jahren und bis heute, die Raketenabschüsse der Hamas auf den Süden Israels.

Vorausgegangen ist die totale Blockade Gazas durch Israel. Bis hin zur Tatenlosigkeit angesichts des ablaufenden Waffenstillstands im Dezember ist alles von Israel provoziert worden. Das israelische Establishment beherrscht die Orchestrierung von Konflikten meisterhaft. Es ist meisterhaft darin, neue Fakten zu inszenieren, Täter als Opfer und Opfer als Täter zu präsentieren.

Was ist das für ein “Establishment“? Es gibt doch eine riesige Zahl kompromiss- und friedensbereiter Israelis.

Das ist das Verteidigungsministerium, das Militär, der Geheimdienst - sie alle sind höchst erfolgreich darin, Konflikte zu schüren, um eine friedliche Lösung zu verhindern. Dieses Establishment gehorcht nicht der Formel ,Land für Frieden’. Es will nur das Land und pfeift auf den Frieden. Dagegen ist auch die israelische Zivilgesellschaft machtlos.

Sie haben also Verständnis für das Handeln der Hamas?

Verständnis? Ich verstehe, dass man den Verstand verliert, wenn man weder in Schulen noch in Krankenhäusern oder Universitäten, ja, nicht einmal in der eigenen Wohnung Aussicht auf körperliche Unversehrtheit hat. Man verliert jeden Lebenssinn und handelt dann auch selbst sinnlos, wenn man erleben muss, dass unschuldige Menschen sterben und man statt in einem eigenen Staat seit mehr als 60 Jahren unter israelischer Besatzung lebt.

Ist der Gazastreifen nicht eher unter Blockade? Die Israelis haben das Gebiet im Sommer 2005 doch geräumt.

Es ist der fortgesetzte Zustand einer Besatzung. Die Israelis haben ihre Siedlungen geräumt und zerstört, aber sie haben Gaza militärisch nie verlassen und sind auch seit 2005 immer wieder in den Gazastreifen eingedrungen.

Wie hätte Israel denn reagieren sollen auf den andauernden Hamas-Beschuss - im Umgang mit einem Gegner, der erklärtermaßen nicht Frieden mit den Israelis, sondern gar keinen israelischen Staat will?

Israel schafft sich seine Feinde nach dem eigenen Bilde. Wenn Israel die 1967 besetzten Gebiete komplett räumen würde, wenn es das Angebot des arabischen Friedensplans annehmen und in eine gemeinsame Zukunft statt in die Zerstörung der gemeinsamen Lebensgrundlagen investieren würde, dann gäbe es bei den Palästinensern keinerlei Rückhalt für Raketen. Dann würde selbst die Hamas andere Formen des Widerstands propagieren, Widerstand durch Bildung, durch Arbeit, durch ein vorbildliches Verhalten, das zur internationalen Akzeptanz der Palästinenser beiträgt.

Wieso ist das Widerstand?

Weil wir damit einer Kraft widerstehen, die bislang alles daran setzt, palästinensischem Leben die Legitimation abzusprechen. Das macht schon die bloße Existenz von Palästinensern zu einer Form des Widerstands - “to exist is to resist, sagt man im Englischen dazu.

Manche Beobachter sehen es vielmehr so, dass die Palästinenser im Gazastreifen zu Geiseln der Hamas geworden sind.

Das ist lächerlich. Die Palästinenser sind Geiseln einer israelischen Politik, die uns in die Rolle von Extremisten hineinpresst. Dabei würden selbst viele Hamas-Vertreter einlenken, wenn es einen Funken von Hoffnung gäbe - so aber wird die Saat des Extremismus immer weiter ausgesät.

Ist es Zufall, dass die israelische Offensive gerade in einer Zeit erfolgt, in der die USA vor einem Machtwechsel stehen und in Israel Wahlkampf stattfindet?

Offenkundig ist doch, dass Israels Politiker sich darin überbieten, die Vorgänge in Gaza als Material für ihre Wahlkampfschlachten zu verwenden. Es ist ein abgründiger Missbrauch von Macht, das inhumane Vorgehen der israelischen Streitkräfte dazu zu benutzen, um einen oder zwei Sitze in der Knesset zusätzlich zu erobern.

Welche Rolle spielt die internationale Gemeinschaft dabei, welche sollte sie spielen?

Ihr Verhalten entscheidet über Gelingen oder Scheitern des Friedensprozesses.

Aber der Verhandlungspartner ist doch Israel.

Wir glauben nicht mehr, dass wir auf Israel als Verhandlungspartner vertrauen können. Im Kern verhandeln wir nicht mit Israel, sondern mit dem Westen, damit der Israel dazu bringt, die längst bekannten Schritte zum Frieden endlich zu gehen. Die heutige Misere ist eine Folge der Tatenlosigkeit von George W. Bush, aber auch der Unentschlossenheit der Europäer. Ohne deren Druck wird es im Nahen Osten nur Verlierer geben. Das wissen auch unsere friedensbereiten Freunde in Israel - nur haben sie dort zu wenig Einfluss auf Politiker, die ihren kurzsichtigen Machtinteressen das langfristige Sicherheitsinteresse der eigenen Bevölkerung opfern.



Hannoversche Allgemeine Zeitung; 10. Januar 2009
Medienpräsenz - Presse vom 13.01.2009

13.01.2009
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