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Eine kleine Wiedergutmachung für das Unrecht

Interview mit Herrn Frangi zum Internationalen Solidaritätstag mit dem Palästinensischen Volk

Die UNO hat den 29. November zum Tag der internationalen Solidarität mit dem palästinensischen Volk erkoren. heute.online sprach mit Abdallah Frangi, dem Generaldelegierten der PLO in Deutschland, über die Bedeutung dieses Tages und die aktuelle Lage im Nahen Osten.

heute.online: Herr Frangi, die UNO hat den 29. November zum Tag der Solidarität mit dem palästinensischen Volk erklärt. Warum gibt es diesen Tag überhaupt?

Frangi: Nun, ich würde sage, es ist eine kleine Wiedergutmachung, für das Unrecht, das uns geschehen ist und das die UNO dem palästinensischen Volk schuldet. Schließlich waren es die Vereinten Nationen, die 1947 vorgeschlagen haben, das ehemals britische Mandatsgebiet Palästina in zwei Staaten - einen jüdischen und einen palästinensischen - zu teilen. Die Juden haben ihren Staat bekommen, wir warten seit mehr als 50 Jahren heute noch darauf.

heute.online: Mit welchem Recht fordern die Palästinenser überhaupt einen eigenen Staat?

Frangi: Das palästinensische Volk ist ja nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden und hat unbegründete Forderungen gestellt. Wir blicken auf eine Geschichte zurück, die viele tausend Jahre alt ist, zum Beispiel die Stadt Jericho ist 10.000 Jahre alt. Wir sind das Produkt von 10.000 Jahren Historie in dieser Region. Die palästinensische Identität wurde von allen Völkern und Mächten geprägt, die Palästina besetzt hielten, von Pharaonen, Römern, Griechen, Phöniziern und Arabern ...

heute.online: Wenn es je ein unabhängiges Palästina geben sollte, wie sollte es auf der Landkarte aussehen? Werden dann einfach die jetzigen Autonomiegebiete als Staatsgebiet angesehen?

Frangi: Dieser Staat darf nicht nur eine Vision, ein Phantom sein. Er muss sich - der Realität entsprechend - in den Grenzen vor dem Krieg von 1967 bilden können. Das bedeutet, das Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, und der Gazastreifen sowie ein Sicherheitskorridor, der beide Landesteile miteinander verbindet, müssen auf jeden Fall darin enthalten sein.

heute.online: Was bedeutet der 29. November für die Palästinenser selbst?

Frangi: Die Solidarität ist ein Akt der anderen Völker, der für unser Selbstwertgefühl sehr wichtig ist. Wir haben für unser Recht auf Selbstbestimmung so lange gekämpft. Viele Völker haben das Signal der UNO sofort aufgegriffen und ihre Unterstützung bekundet. Wir haben mehr als 100 Botschaften und offizielle Vertretungen überall in der Welt.

heute.online: Viele Staaten behandeln die Autonomiegebiete ja auch, als ob sie ein eigenständiger Staat wären...

Frangi: Viele Völker und Staaten haben uns seit mehr als 15 Jahren anerkannt. Die EU hat uns 1993 zur Kenntnis genommen und beim Aufbau der politischen und wirtschaftlichen Infrastruktur eines Staates geholfen. Der englische Premierminister Blair hat Präsident Arafat neulich als Staatsmann empfangen. Selbst US-Präsident Bush hat sich für das Recht auf einen eigenen Palästinenserstaat ausgesprochen. Das sind deutliche Signale, die für die Proklamation eines Staates Palästina sehr wichtig sind.

heute.online: Wie schätzen Sie die Entwicklung des Nahost-Konflikts in den letzten Monaten ein?

Frangi: Die Entwicklung der letzten 14 Monate hat gezeigt, dass sich Vernunft nicht im Krieg entfalten kann. Israel und die Palästinenser müssen dahin kommen, dass sie beide gleichberechtigte Partner werden. Trotz aller blutigen Vorkommnisse haben sich jetzt die USA und die EU eindeutig gegen die Fortsetzung des Krieges im Nahen Osten eingesetzt. Israels Politik baut sich weiterhin auf militärischen Grundlagen auf. Dies kann nicht zum Frieden führen.

heute.online: Ist ein dauerhafter Frieden in der Region überhaupt möglich mit einem Hardliner Ariel Scharon als Ministerpräsident?

Frangi: Auch Scharon wird mittlerweile festgestellt haben, dass Gewalt keine Sicherheit garantiert. Der Alltag in Palästinensergebieten, aber auch der in Israel ist von Gewalt geprägt. Sharon hat es nicht geschafft, seinem Land Frieden zu bringen. Das erkennen auch seine Leute allmählich. Scharons Politik ist nicht auf Frieden ausgerichtet. Solange er Ministerpräsident ist, dürfte sich das auch nicht ändern.

heute.online: Kann es nicht nur dann Frieden geben, wenn eine Partei endlich den Kreislauf der Gewalt durchbricht und sagt: »Auch wenn uns großes Unrecht geschehen ist, wir hören jetzt einfach auf und geben nach«?

Frangi: Man kann nicht von Opfern verlangen, dass sie auch noch Verständnis für ihre Peiniger haben. Das ist nicht machbar und nicht denkbar, solange Israel und Palästinenser nicht gleichzeitig von den Waffen lassen. Europa, die USA und die Vereinten Nationen müssen - ähnlich wie in Bosnien oder im Kosovo - beide Seiten zwingen, die Waffen ruhen zu lassen und sie müssen einen Entflechtungsversuch machen. Entflechten bedeutet, dass beide Seiten strikt voneinander getrennt werden müssen. Sie dürfen möglichst wenig Berührungspunkte mehr haben. Israel muss sich aus den Palästinensischen Gebieten zurückziehen. Erst dann können die Palästinenser dort Ordnung schaffen und erst dann können sie die Verantwortung für ihre Gebiete übernehmen.

heute.online: Extremistenführer Osama bin Laden hat sich ja in Erklärungen zum 11. September immer wieder auch als Freund der Palästinenser dargestellt und seine Taten rechtfertigt mit dem Unrecht, das den Palästinensern zugefügt worden sei. Wie sehr hat das der palästinensischen Sache genutzt oder geschadet?

Frangi: Bin Laden hat sich nie um die palästinensische Sache gekümmert. Die palästinensische Führung hat im übrigen dazu auch eindeutig Stellung genommen und betont, dass das Palästina-Problem nicht im Geringsten mit Bin Laden zu tun hat und sich eindeutig von ihm und seinen Handlungen distanziert.

heute.online: Die nächste Frage klingt jetzt etwas hart: Ist es nicht so, dass erst, wenn noch möglichst viele Palästinenser umgekommen sind, die Welt die Geduld verliert und Israel dazu zwingt, einen Schlusspunkt unter die Gewalt setzt? Nach dem Motto: Je mehr Tote es gibt, umso eher horcht man

Frangi: Einer der menschlichen Eigenschaften ist die, dass erst in letzter Sekunde, wenn es gar nicht mehr anders geht, auf eine Notsituation reagiert wird. So wird das auch in diesem Fall sein. Die schwächere Seite ist leider die palästinensische, sie leidet und ist hoffnungslos unterlegen. Wir müssen daher einfach versuchen, die Situation auszuhalten, bis andere Mächte einen Schlusspunkt setzen.

heute.online:: Wie wird der 29. November in den Palästinensergebieten begangen?

Frangi: Das Datum wird mit großer Aufmerksamkeit registriert. Früher gab es viele Solidaritätskampagnen anderer Völker. Heute allerdings sind keine Aktionen geplant, aus Rücksicht auf die Geschehnisse des 11. September und die blutige Entwicklung in den Autonomiegebieten.

heute.online: Wie beurteilen Sie die neusten Vermittlungsbemühungen seitens der Delegation vor dem Hintergrund der neuen Gewalt im Nahen Osten, die aber jetzt von den Palästinensern ausgeht?

Frangi: Ich bin zuversichtlich, dass der jetzige Vermittlungsversuch der USA mit größerer Ernsthaftigkeit unternommen wird. Deswegen rechne ich mit Fortschritten in Richtung der Umsetzung des Mitchell-Plans und der Schaffung einer besseren Atmosphäre für weitere Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern. Die letzten Aktionen, die von den Palästinensern ausgegangen sind, waren nichts anderes als Reaktionen auf die kontinuierlichen Exekutionen und Strafexpeditionen, die von der israelischen Armee vor allem in der letzten Zeit durchgeführt werden. Deswegen möchte ich nochmals auf meinen anfänglichen Vorschlag der Entflechtung zurückkommen. Das heißt, ein Rückzug der israelischen Armee aus den palästinensischen Gebieten kann als erster Schritt zu einem neuen Frieden bewertet werden.



ZDF. Redaktion heute online
www.heute.de

Medienpräsenz - Internet vom 29.11.2001

29.11.2001
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