Generaldelegation Palästinas
Ostpreußendamm 170
12207 Berlin
Tel.: 030 - 20 61 77 - 0
Fax: 030 - 20 61 77 - 10
Öffnungszeiten:
Mo - Fr 9:00 - 15:00 Uhr
Medienpräsenz -
Presse
"Berlin ist der rechte Ort"
Mit wenig Erfolgsaussichten tritt heute das Nahostquartett zusammen – der Generaldelegierte Palästinas, Hael al-Fahoum, setzt trotzdem auf deutsche Impulse für den Frieden:
Er ist ein Wanderer zwischen den Welten. Einerseits ein auf internationalem Parkett erfahrener Diplomat, der lange bei den Vereinten Nationen gearbeitet hat, der Französisch, Englisch und Italienisch ebenso souverän spricht wie das Arabisch seiner Heimat. Andererseits ist er Botschafter eines Volkes ohne souveränen Staat, ohne klare Grenzen und bislang auch ohne eine das Gewaltmonopol garantierende Regierung.
Entsprechend schmerzlich empfindet Hael al-Fahoum, der Generaldelegierte Palästinas in Berlin, die Brüche zwischen diesen Welten. „Es hat mich mit großer Sorge erfüllt“, sagt der 54-Jährige über das Jahr der Hamas-Regierung in seiner Heimat, das zugleich sein erstes Jahr in der deutschen Hauptstadt war und erst jetzt mit der Einheitsregierung von Hamas und Fatah beendet wird.
Umso positiver, lobt der gebürtige Nazarener, seien seine Erfahrungen in Deutschland. „Die Leute hier arbeiten sehr systematisch, diszipliniert und effizient – da merkt man, dass das Establishment wirklich Autorität hat.“
Solches Lob zielt besonders auf den deutschen Umgang mit der Palästinenserregierung und dabei nicht zuletzt auf Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit. „Sie hat sich in der EU dafür eingesetzt, dass nach dem Hamas-Wahlsieg die Hilfsgelder nicht einfach gestrichen, sondern von Regierungsbeihilfen in direkte Hilfen für die Bevölkerung umgewidmet wurden – diese Weitsicht ist nicht selbstverständlich.“ Aber die Zukunftsvision des Hael al-Fahoum liegt keineswegs darin, den Geldstrom aus Europa sicherzustellen.
„Wir brauchen nicht Wohltäter, sondern Partner, wenn wir uns auf eigene Beine stellen wollen.“ Es gelte, gemeinsame Interessen zu stiften – zwischen Europäern, Palästinensern und Israelis. Prinzipiell steht er mit dieser Einsicht nicht allein. Auch im EU-Mittelmeer-Prozess wird die Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern als Schlüssel zur Stabilität betrachtet. Nur fehlen bislang konkrete Konsequenzen aus solchen prinzipiellen Einsichten. Genau das will al-Fahoum ändern, und dafür hat er viel unternommen. Er setze als Botschafter zwar auf eher stille Diplomatie. Die aber betreibt er in der deutschen Hauptstadt sehr intensiv – mit deutschen Parlamentariern, mit dem Außen- und dem Kanzleramt.
„Berlin ist der richtige Ort dafür, und jetzt ist die richtige Zeit.“ Gerade in der Phase des deutschen G-8-Vorsitzes und der EU-Ratspräsidentschaft der Deutschen könnte ein erstes konkretes Projekt Kontur gewinnen – und das auch noch ausgerechnet in Dschenin. Die Stadt im Westjordanland, die weltweit vor allem Schlagzeilen als Flüchtlingslager und Herkunftsort von Selbstmordattentätern gemacht hat, könnte aus einer Stätte der Verzweiflung zum Zentrum der Verständigung werden, schwärmt Hael al-Fahoum – durch friedlichen Handel im gemeinsamen Interesse von Europäern, Israelis und Palästinensern.
Viele Delegationen seien dafür schon unterwegs gewesen, Gespräche mit dem Bürgermeister von Haifa als Hafenumschlagplatz und dem Gouverneur von
Dschenin hätten bereits stattgefunden, und Investoren aus Europa gebe es trotz der schwierigen Bedingungen. „Dschenin kann für Produkte aus Europa zu einer Brücke in die arabische Welt werden.“ Die arabisch-amerikanische Universität Dschenin könne Experten ausbilden, der deutsche Verband der Ingenieure Stipendien stiften, 15 000 Jobs könnten so in Dschenin entstehen.
„Das wäre ein beispielhafter Schritt gegen das Hauptproblem der Region“, fügt er hinzu. „Die Arbeitslosigkeit.“ Wie bitte? Wer glaubte, für Palästinenser sei das Hauptproblem der Kampf ums eigene Staatsgebiet, wird hier mit einem frischen Blickwinkel konfrontiert: „Natürlich gehört zu einem lebensfähigen Staat ein Staatsterritorium – für die Palästinenser ist dies das Westjordanland, der Gazastreifen und Ostjerusalem.“
Wenn die Israelis diese 22 Prozent des historischen Palästina räumten, könne auf den übrigen 78 Prozent Israel „sicher und anerkannt“ existieren. „Dann wird
für alle der Traum vom Frieden wahr, und wir kommen aus dem Teufelskreis dieses Interessengegensatzes mit Israel heraus: Wenn wir es schaffen, neue Gemeinsamkeiten zu stiften, wird die Frage wegfallen: Was ist mein Land, was ist dein Land? Stattdessen wird die Frage lauten, was wir aus gemeinsamen Projekten an Nutzen ziehen. Nur solange die Menschen dort im Gefühl leben, nichts zu verlieren zu haben, können die Extremisten weiter auftrumpfen.“ Ob diese Wende zu neuem Miteinander von der Vision zur Wirklichkeit wird, hängt für Hael al-Fahoum davon ab, ob alle Beteiligten bereit sind, diesen gemeinsamen Weg zu gehen. Die nächsten Schritte sieht er schon vorgezeichnet – auf ein Treffen von Palästinensern, Europäern und Jordaniern im März am Toten Meer soll im Mai ein weiteres in Berlin folgen.
„Wenn unsere Pläne in Dschenin glücken“, sagt der Botschafter, „ist für mich auch der folgende Schritt klar: Dann sollte das nächste Projekt auf der Grünen Linie zwischen Israel und dem Westjordanland starten.“ Die Israelis, so ist zu hören, verfolgen schon die ersten Schritte mit großer Aufmerksamkeit.
Dr. Daniel Alexander Schacht
Hannoversche Allgemeine Zeitung 21. Februar 2007 Medienpräsenz - Presse vom 21.02.2007