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"Wissen sprengt Grenzen für Palästinenser — ganz ohne Gewalt"
Die Familie des neuen Palästinenservertreters in Deutschland wurde einst von Israel enteignet — aber Revanche-Forderungen sind Hael al-Fahoum fremd: Der weltgewandte Diplomat hofft für sein Volk auf eine Emanzipation durch Bildung und Wissenschaft:
„Der Nahostkonflikt ist wie ein Streit zweier Blinder“, sagt Hael al-Fahoum. „Beide Seiten bekämpfen das Phantom eines Gegners, weil sie einander nicht richtig wahrzunehmen vermögen.“ Der Vergleich zeugt vom aufklärerischen Anspruch eines Mannes, der einstweilen nur das Phantom eines Staates in Deutschland vertritt: Al-Fahoum ist Generaldelegierter der PLO in Deutschland und damit Botschafter eines Landes, das noch immer keine Souveränität genießt: Palästina.
Dieser Name, der einst jenes längst vergangene britische Mandatsgebiet bezeichnete, auf dem 1948 der Staat Israel entstand, ist für die Palästinenser keineswegs Vergangenheit, sondern eine Verheißung für die Zukunft. Für den Diplomaten al-Fahoum geht damit freilich mindestens ebenso sehr wie der Anspruch auf einen souveränen Palästinenserstaat die Zuversicht einher, dass der Grad an palästinensischer Selbstbestimmung nicht vom Ausmaß des Territoriums diktiert wird. Daraus schöpft er die Hoffnung, dass eine Verständigung mit Israel möglich wird. „An einer gegenseitigen Anerkennung von Israelis und Palästinensern, am Verzicht auf Gewalt und am Respekt vor den bisher erreichten Friedensschritten führt kein Weg vorbei.“ Wird dies auch der Wahlsieger Hamas einsehen? „Es gibt keine Alternative zum Friedensprozess – in kleinen, konkreten Schritten werden wir auf dem Weg zum Frieden vorankommen“, sagt al-Fahoum und fügt zuversichtlich hinzu: „Mehr als von der Größe des palästinensischen Staatsgebiets hängt die Zukunft von Palästinensern und Israelis von der Entwick-lung zivilgesellschaftlicher Tugenden ab, besonders bei der Bildung — denn die ist gerade für kleine, auf internationalen Austausch angewiesene Länder wichtig.“
Diese Sichtweise ist unter Palästinensern keineswegs selbstverständlich. Schließlich tragen in den Flüchtlingslagern im Gazastreifen oder dem Westjordanland, im Libanon oder in Jordanien noch immer viele Palästinenser ein rostiges Stück Metall um den Hals — den Schlüssel, der ihnen einmal die Tür zu ihrem Haus öffnete, das einst im heutigen Israel stand.
Hael al-Fahoum weiß ähnliche Geschichten zu erzählen: Der 1952 in Nazareth geborene Sohn von Landbesitzern im heute israelischen Galilea hat schon als kleiner Junge zu spüren bekommen, was es heißt, als Palästinenser im neugegründeten Staat Israel zu leben. „Meine Familie wurde von den Israelis enteignet, mein Vater brauchte wie alle Araber eine Sondererlaubnis, wenn er sich mehr als elf Kilometer von Nazareth entfernen wollte“, erzählt al-Fahoum. „Wir waren ,arabische Israelis’, eben Menschen zweiter Klasse.“
Aber die Eltern setzten — wie viele Palästinenser dieser Generation — statt auf religiöse Abgrenzung auf die Öffnung gegenüber anderen Kulturen, auf Emanzipation durch Bildung. Hael al-Fahoum kam auf eine christliche Schule, nahm am täglichen Gebet und am Gottesdienst teil und wurde zum Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem zugelassen. Im Alter von 25 Jahren folgte er dem Pfad vieler palästinensischer Intellektueller — er ging ins Ausland, studierte französische Sprache und Kultur an der Pariser Universität Sorbonne und absolvierte sein Studium der Biochemie an der Universität Pierre Marie Curie in Paris.
In der französischen Hauptstadt unternahm al-Fahoum seine ersten Schritte auf internationa-lem Parkett: Er wurde Mitglied der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und Vize-chef der UN-Bildungseinrichtung Unesco. Später wurde er Leiter für europäische Angelegenheiten in der politischen Abteilung der PLO in Tunis, dem Exil der PLO-Spitze nach der Übersiedlung von Jassir Arafat aus Beirut. Nazareth, Paris, Tunis — die scheinbare Selbstver-ständlichkeit, mit der al-Fahoum zwischen den Nationen lebte, wurde noch durch die Heirat mit seiner tunesisch-italienischen Frau abgerundet.
Dieser Diplomat ist zweifellos weltgewandt — ist er dadurch zugleich nirgends recht zu Hau-se? „In der Kommunikation mit der internationalen Gemeinschaft“, sagt er, „da fühle ich mich beheimatet.“ Dieser Austausch blieb auch wichtig für ihn, als er ins Finanzministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde wechselte.
Ein besonderes Anliegen ist ihm aber auch dabei die Entwicklung des sogenannten Humankapitals der Palästinenser gewesen. „Früher ging es den Palästinensern nur um Land, heute sind Bildung und Wissenschaft die neuen Schlüssel, um das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen“, zeigt al-Fahoum sich überzeugt. Schon jetzt, fügt er stolz hinzu, würden an der palästinensischen Universität Bir Zeit viele internationale Experten ausgebildet. „In der globalisierten Wissensgesellschaft kommt es vor allem auf Bildung an — und dieser Weg in die Zukunft lässt sich auch für Palästinenser nicht durch Mauern, Sperranlagen oder Kontrollpunkte begrenzen.“
Als palästinensischer Botschafter will er von Deutschland aus dazu beitragen, diesen geistigen Reichtum zu erschließen. „Deutschland ist für uns Palästinenser wegen seiner gewichtigen Stimme in der EU wichtig“, sagt al-Fahoum. „Aber langfristig wird es dabei nicht mehr um einseitige Hilfen gehen, es geht um Partnerschaft — zwischen Städten, Hochschulen, Unternehmen.“ Gerade die Europäer könnten zusammen mit den Palästinensern von einem Nahost-frieden profitieren. „Denn wir könnten der EU eine solide Brücke in die arabische Welt bauen.“
Aber wird er bei einem Friedensschluss auch damit leben können, dass sein Geburtsort Nazareth, die Stadt in der heute noch seine Mutter und seine Brüder leben, israelisch bleibt? "In Nazareth fühle ich mich heute bisweilen fremder als in Paris oder Berlin," sagt er mit traurigem Unterton — und fügt gefasst hinzu: "Auch das würde sich durch einen stabilen Frieden ändern."
Dr. Daniel Alexander Schacht 04. März 2006
Hannoversche Allgemeine Zeitung Medienpräsenz - Presse vom 06.03.2006